Kein Zweifel: Japans neuer Ministerpräsident wird wieder Hayato Ikeda heißen. Wenn an 5. Dezember das am vergangenen Sonntag gewählte Parlament zusammentritt, werden im Plenarsaal des japanischen Reichstags– der in seinem Stil der französischen Nationalversammlung so verblüffend ähnelt – von den 467 Sitzen nicht weniger als 2% von den Abgeordneten seiner Liberal-Demokratschen Partei besetzt sein.

Dies ist die (im Grunde konservative) Partei, die die Nachkriegspolitik im Reich der aufgehenden Sonne prägte, die den großen alten Mann Japan;, Shigeru Yoshida, an ihrer Spitze sah, die dem politisch gewandten, aber sprunghaften Nobusuke Kishi mit ihrer Stimmenmehrheit die Ratifizierung des leidenschaftlich umkämpften Sicherheitsvertrages mit den USA sicherte und die schließlich im Sommer dieses Jahres (nach Kishis Abtritt) den zurückhaltenden, so zuverlässig wirkenden und stets freundlich lächelnden Ikeda auf den Sessel des Ministerpräsidenten hob.

Der Wahlausgang vom letzten Sonntag hat niemanden überrascht. Seit mehr als zehn Jahren wählen mit großer Konstanz etwa 60 Prozent der Japaner konservativ. Dies ist nun fast schon eh verbindliches Charakteristikum der politischer. Szenerie Nippons – und nichts hatte auch darauf hingedeutet, daß sich diesmal daran etwas ändert würde. Wohl war es im Frühsommer der radikaler Linken gelungen, in einer gewaltigen Kampagne gegen den Pakt mit Amerika Hunderttausende vor wütenden Demonstranten auf die Straße zu bringen und schließlich sogar den Eisenhower-Besuch in Japan zu vereiteln. Aber schon damals meinten viele Beobachter, die die eigenartige politische Struktur des Landes kannten, man solle aus den turbulenten Ereignissen nicht den voreiligen Schluß ziehen, daß ein fataler Wind die japanischen Inseln immer mehr in östliche Richtung treibe. Nicht bei den hektischen Massen der Großstädte, so hieß es, liege der Schlüssel für die politischen Entscheidungen der Sonnensöhne, sondern bei der eminent konservativen Bevölkerung des flachen Landes. Die jüngsten Wahlen – die achten der Nachkriegsperiode – haben gezeigt, daß diese Beurteilung richtig war.

Die sozialistische Opposition hat den – übrigens erstaunlich ruhigen und fairen – Wahlkampf unter dem bitteren Handicap geführt, das einer gespaltenen Partei nun einmal auferlegt ist. Aus Protest gegen den linken Radikalismus des kürzlich ermordeten Parteiführers Asanuma hatten sich 40 Abgeordnete als Sozial-Demokratische Minderheitsgruppe selbständig gemacht. Die Sozialisten – also der linke Mehrheitsflügel – hatten bei ihrer Wählerwerbung alles auf die Karte "Neutralismus" gesetzt. Es war ihr politisches Pech, daß ihnen in Ministerpräsident Ikeda ein Widersacher gegenüberstand, der es mit elegantem Kalkül verstand, allen Wind aus den sozialistischen Segeln zu nehmen.

Zwar war das Bekenntnis Ikedas eindeutig: "Ich bin kein Neutralist, und ich halte den Neutralismus für eine Illusion." Aber er vermied es zugleich, das mit so viel Emotionen belastete Wort "Sicherheitsvertrag" in seinen Wahlreden auch nur zu erwähnen. Er sprach lediglich von der "Anlehnung an Amerika" und lenkte im übrigen die Auseinandersetzungen auf innerpolitische und wirtschaftliche Fragen ab. Und da ist es schließlich nicht erstaunlich, daß der Fachmann Ikeda, der Nationalökonom, der mehrere Bücher über Steuersysteme veröffentlicht hat. Gehör fand mit seinem Versprechen, es sollten die Steuern gesenkt und das Nationaleinkommen sehr beträchtlich erhöht werden.

So ist denn anzumerken, daß diese Wahl, die zwar der Regierungspartei die absolute Mehrheit erhalten, ihr aber die erhoffte verfassungsändernde Majorität nicht eingetragen hat, viel mehr innenpolitische als außenpolitische Wünsche zum Ausdruck brachte. Es war eine Entscheidung, die durch Traditionen bedingt wurde, eine Entscheidung ferner für das japanische Wirtschaftswunder – dem deutschen ganz und gar vergleichbar – und also für einen Wirtschaftskurs "ohne Experimente".

Wer aber davor gewarnt hat, die Bedeutung der vehementen Junidemonstrationen zu überschätzen, der muß nun auch das jüngste Votum Nippons in die richtige Perspektive rücken. Es wäre ganz falsch zu behaupten, die Japaner hätten jetzt eindeutig den Westen gewählt. Es war dies kein außenpolitischer Volksentscheid. Aber es ist gewiß richtig zu sagen: Die Mehrheit der Bevölkerung des fernöstlichen Inselreiches hat aus einer Vielzahl von Motiven einer Regierung ihre Stimme gegeben, die nun ihrerseits deutlich für die freie Welt optiert hat. Ein bißchen kompliziert, gewiß, aber eben – japanisch. Hans Gresmann