Wenn wir nicht Berater entsenden, nützt die ganze Entwicklungshilfe nichts

Von Marion Gräfin Dönhoff

Marx glaubte und prophezeite, in der kapitalistischen Gesellschaft würden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Dieses Glaubensbekenntnis, die sogenannte Verelendungstheorie, hat sich als falsch erwiesen, jedenfalls auf nationaler Ebene.

Im internationalen Rahmen – dies freilich hatte Marx nicht vorausgesehen – scheint die Verelendungstheorie heute, nach hundert Jahren, eine späte Bestätigung zu finden: Ein immer kleinerer Teil der Menschheit wird immer schneller reich, die wachsende Masse der Völker hingegen kommt in dem allgemeinen Wettlauf immer langsamer voran und wird schließlich ganz auf der Strecke bleiben, wenn nicht besondere Maßnahmen ergriffen werden. Diese gefährliche Entwicklung ist auf zwei Faktoren zurückzuführen:

1. Auf die enorme Bevölkerungsvermehrung der unterentwickelten Völker (bis zu 3 Prozent jährlich, was einer Verdoppelung in 25 Jahren entspricht).

2. Auf die Tatsache, daß das geringe Pro-Kopf-Einkommen jener Gebiete nur eine minimale Investitionstätigkeit zuläßt, so daß die Armut aus eigener Kraft nicht überwunden werden kann, sondern sich immer wieder von neuem reproduziert.

Das Durchschnittseinkommen pro Kopf und Jahr beträgt in den Vereinigten Staaten etwa 7500 D-Mark, in Indien nur rund 240 D-Mark, Bei 240 D-Mark kann aber der Anteil, der zurückgelegt wird – die Sparrate – kaum höher als 5 Prozent sein, also nicht mehr als 12 D-Mark pro Person und Jahr betragen. In USA dagegen rechnet man mit 20 Prozent, also mit 1500 D-Mark pro Kopf und Jahr. Wenn man das Fazit aus diesen beiden Feststellungen zieht, so bedeutet es, daß die Vereinigten Staaten mit ihren 170 Millionen Einwohnern jährlich 255 Milliarden D-Mark investieren können; Indien mit seinen 400 Millionen nur 4,8 Milliarden.