Bad Hersfeld

Vor etwa einem Jahr kamen zwei Filmleute aus Amerika nach Berlin: Budd Schulberg, der Drehbuchschreiber und Romancier, und Elia Kazan, der Regisseur. Sie wollten sich nach einem Stoff umsehen, der es wert ist, ein Film zu werden. Als sie wieder abfuhren, gestanden beide, daß die hier auf der Straße liegenden Probleme ihnen fast den Atem geraubt hätten. Beide schüttelten den Kopf darüber, daß in vierzehn Jahren noch immer kein deutscher Autor, kein deutscher Filmmensch den Versuch unternommen hat, der deutschen Misere eine filmische Form zu geben.

Bitterer Alltag ist offensichtlich ein schwer verkäuflicher Artikel für Traumfabrikanten. Das wissen die Filmproduzenten und Verleiher. Mit schlechtem Gewissen erinnern sie sich hierzulande an. das Paradebeispiel, das der Regisseur Helmut Käutner vor fünf Jahren geliefert hat. Sein Film "Himmel ohne Sterne", der ein Romeo-und-Julia-Thema an der Zonengrenze behandelte, war ein künstlerischer Erfolg und eine geschäftliche Pleite. Seitdem ist bei uns die deutsche Spaltung für den Film ein Tabu.

Jetzt ist einer dabei, dieses Tabu zu durchbrechen. Er tut es mit amerikanischem Geld, denn hier hätte er keines bekommen. Er heißt Will Tremper und gehört zum Jahrgang 1928. Als es in Berlin in den Apriltagen 1945 dem Ende zuging, rannte er in HJ-Uniform mit einer Panzerfaust umher und glaubte an den Endsieg. Heute glaubt er an seine Film-Mission. Freunde gaben ihm hunderttausend Dollar. Das ist lächerlich wenig, wenn man bedenkt, daß in unseren Tagen unter 1,2 Millionen Mark kaum noch ein Film zustande kommt. Tremper schrieb das Drehbuch selbst (nach seinem eigenen Roman, der 1959 in der Illustrierten "Stern" veröffentlicht wurde). Er produziert seinen Film, und er führt auch Regie.

Da er sich von den hunderttausend Dollar keine Stars leisten kann, dreht er ohne Stars. Sein Hauptdarsteller ist der junge Christian Doermer – vielleicht ein Star von morgen. Die Bauern in diesem Film sind Bauern, die Polizisten und Funktionäre sind Trempers Bekannte, Freunde und Kollegen aus Zeitungsredaktionen. Gedreht wird an Ort und Stelle; nicht eine einzige Szene entstand im Atelier. Ob der Film gut wird, weiß unter diesen Umständen kein Mensch. Man hat in der Branche schon allerhand erlebt.

Bei einer Tagung geistlicher Filmreferenten der Hamburgischen Landeskirche kam vor einigen Wochen das Gespräch auf Will Tremper und seinen Film "Flucht nach Berlin". Zur Überraschung aller stellte sich dabei heraus, daß Tremper identisch ist mit jenem Petronius, der sich als Autor der Illustrierten-Serien "Deutschland, deine Sternchen" und "Deutschland, deine Stimmchen" die Antipathie aller Film- und Schallplatten-Schaffenden zugezogen hat. Mehr als ein Dutzend Prozesse brachten ihm diese Serien ein. Ein renommierter Filmverleiher rief zum Boykott gegen Tremper-Petronius auf, damit kein Hund mehr ein Stück Brot von ihm nehme. Heute interessiert sich der gleiche Verleiher für Trempers Film.

Das ist die Story dieses Films: Ein anhaltinisches Dorf, dessen Bauern sich bisher dem Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft widersetzt hatten, wird von einer Kolonne SED-Propagandisten überschwemmt. Es kommt zu einem heftigen Krach zwischen dem Wortführer der Bauern und dem Chef der SED-Kolonne, einem jungen fanatischen Kommunisten. Der Bauer schlägt ihn nieder und flieht.