In diesen Tagen kam aus Brasilien die Klage, daß die Ostblockländer zu wenig Kaffee kauften. Im ersten Halbjahr 1960 konnte das größte Kaffeeland der Welt, das zu allem auf riesigen Überschüssen aus früheren Ernten sitzt, nach der Sowjetunion, Polen, Ungarn der Tschechoslowakei und der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands ganze 324 000 Sack verschiffen. Das war sogar weniger als die von dem Rubelblockgebiet in der ersten Jahreshälfte 1959 abgenommene Menge von 339 000 Sack.

324 000 Sack – das sind 1,7 vH der brasilianischen Ausfuhr in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Mit welch großem Optimismus hatte man dort Ende vorigen Jahres in Santos auf den Abschluß eines Handelsabkommens mit der Sowjetunion geblickt, in der Hoffnung, in Osteuropa neue "Märkte" für den Überfluß an Kaffee zu erschließen. Und wie enttäuscht war. man über die schließliche Zusage Moskaus, im Jahre 1960 den Brasilianern 300 000 Sack Kaffee abzunehmen, gegenüber allerdings nur 120 000 Sack im Jahre 1959. Das sind minimale Mengen, wenn man berücksichtigt, daß Brasilien im Kaffeejahr 1959/60 fast 18 Mill. Sack exportierte.

Wie wenig Chancen der "Osthandel" für die lateinamerikanischen Länder hat, zeigen auch die Beziehungen Brasiliens mit Polen. Um – wie die Handelskammer Hamburg jetzt in ihren Mitteilungen schreibt – kurzfristig einen politischen Effekt zu erzielen, nehmen die Ostblockländer den Rohstoff gebieten von Zeit zu Zeit in Form von Stoßgeschäften große Mengen agrarischer Produkte ab, und zwar im Wege von Tausch-Abkommen. Sie sind meist aber gar nicht willens, diese Geschäfte fortzusetzen, wenn das Abkommen ausläuft. So bezog Polen im Jahre 1959 von Brasilien 128 000 Sack Kaffee. Man hätte annehmen können, daß diese Menge dem polnischen Konsumenten zugeführt worden sei. Mitnichten. Sie wurde "auf Lager" genommen, und die polnische Außenhandelskammer berichtete erst soeben, daß infolge des großen "Importanstiegs" die Kaffeelager überfüllt seien. Mit einem erheblichen Rückgang der Kaffeebezüge aus Brasilien müsse, so läßt diese amtliche Stelle weiter verlauten, gerechnet werden.

Und so wird Brasilien erst einmal auf den gerade neuerschlossenen polnischen Absatzmarkt verzichten müssen. In die Bresche hüpfte in diesem Jahr die "DDR", die ihre Bezüge an Brasilkaffee von 80 000 Sack im Vorjahr auf 155 000 Sack im ersten Halbjahr 1960 erhöhte In Hinblick auf das gewaltige Angebot Brasiliens ist auch diese Menge nur als winzig zu bezeichnen. Die Bundesrepublik Deutschland kaufte im Erntejahr 1959/60 allein 844 000 Sack Brasil-Kaffee, der seinerseits nur ein Fünftel bis ein Viertel des westdeutschen Bedarfs deckt.

Die kommunistischen Länder werden schon deswegen niemals ernsthafte Handelspartner für die Entwicklungsländer werden, weil sie dem Gros ihrer Bevölkerung gar keinen höheren Lebensstandard bieten wollen. Denn sonst wäre es nicht verständlich, daß der zu Weltmarktpreisen eingekaufte Kaffee in der UdSSR und in den Satellitenländern zu geradezu astronomischen Preisen angeboten wird. Das Kilogramm Brasilkaffee, das den deutschen Hafen (roh) 3,30 DM kostet, wird in den HO-Läden der Zone zu 60 bis 80 DM-Ost verkauft. Die gleiche Qualität (es handelt sich um mindere Sorten kostet bei uns rund 14,–DM. An den Wucherpreisen wird die ganze Verbraucherfeindlichkeit des kommunistischen Systems deutlich, das einen wirklichen Lebensgenuß nur hochbezahlten Funktionären und Spezialisten ermöglicht. -ft