Was die Deutschen brauchen und begehren, ist Wahrheit. Sie zu wagen führt zur menschlichen und politischen Größe, in deren Anschauung die Deutschen ihre besten Antriebe entfalten würden.

Diese Größe könnte den Deutschen fühlbar werden, wenn Gegner öffentlichen Parteikampfes zugleich verbündet sind, weil sie zuletzt dasselbe wollen. Die Größe wird sichtbar, wenn deutsche Staatsmänner erwachsen, die die bedingungslose Solidarität mit dem Westen durch ihr Wesen selbst darstellen, die niemals den Versuch aufgeben, die Staatsmänner des Westens in der letzten, wahrscheinlich kurzen Atempause zusammenzubringen durch die Überzeugungskraft einer auf Tod und Leben gemeinsamen Sache, aber nur dann, wenn diese gemeinsame Sache in ihnen selber verkörpert ist durch Wahrhaftigkeit, Freiheit, Menschlichkeit, Ernst und Wagemut, so daß wir alle uns in unseren eigentlichen Antrieben wiedererkennen.

Bei dem Range Adenauers kann man nicht annehmen, daß er nicht an seinen Nachfolger denkt. Hat er die Staatsmänner nicht gefunden oder nicht gesucht, die fähig wären, seine Politik fortzusetzen? Cäsars Größe war, die bedeutendsten Männer zu finden, sie an sich zu binden und keine Sorge zu haben, daß sie ihm gefährlich werden könnten. Eine seiner wunderbarsten Akte war die Adoption Oktavians, der Cäsars Werk, in der Realität es wandelnd, vollenden konnte. Es war Bismarcks schlimmste Eigenschaft, nur Kreaturen um sich zu dulden. Ein Staat wird nicht geistig wirklich und macht keine dauerhafte Politik, wenn er an den Zufall eines einzelnen Menschen gekettet und ohne ihn eine Verworrenheit ist. Das Werk eines solchen Staatsmanns – selbst im Falle der Größe Bismarcks, mit dem heute niemand zu vergleichen ist – wird dadurch zunichte.

Wenn Adenauers Werk ist, der Bundesrepublik ihren Ort in der Selbstbehauptung des Abendlandes verschafft zu haben, diesen Staat und die gesamte freie Welt ständig zur Solidarität in der Selbstbehauptung zu drängen, ohne die jeder einzelne der freien Staaten verloren ist, was könnte er tun, um diesem Werk Fortgang und Dauer zu verschaffen?

Wenn angesichts der Weltsituation der deutsche Staatslenker an seinen Nachfolger denkt, so kann er nicht so unverantwortlich sein, dessen Wahl den Zufällen zu überlassen. Auch wird ihm bei solch großer Frage die Partei unwesentlich. Nicht die Partei, sondern die politische Persönlichkeit des kommenden Mannes entscheidet das Geschick.

In der Bundesrepublik stehen die Wahlen des nächsten Jahres bevor. Ich bewege mich in der Tagespolitik, wenn ich die Zusammengehörigkeit von Politik, Wahrheit, Dauer und Größe in bezug auf die Wahl erörtere, aber so, daß in den hypothetisch vorgebrachten Gedankengängen die vielleicht utopische Möglichkeit der Größe Adenauers anschaulich werden soll. Die Vorgänge im Wahlkampf, das Problem der Nachfolge, die Einleitung deutscher politischer Erziehung scheinen mir in einem für die Bundesrepublik vielleicht entscheidenden Augenblick gesehen werden zu müssen.

Wenn im Wahlkampf – mit Recht – ein Mann verlangt wird, den das Volk kennt, so scheint heute in der Bundesrepublik außer dem Kanzler nur Brandt da zu sein. Vielleicht gibt es noch andere, mehrere, sogar vorzüglichere Männer, aber sie sind nicht in das Licht der Öffentlichkeit gelangt.