Die Hauptkontroverse in Hannover geht um die Frage der Atombewaffnung – Tradition im modischen Dekor

Von Roll Zundel

Hannover, im November

Laut dröhnte der Beifall durch die rauchgeschwängerte Niedersachsenhalle zu Hannover, als Herbert Wehner den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, auf dem SPD-Parteitag begrüßte. Auf Brandt, der gebräunt von der Sonne Griechenlands und Israels neben dem Hamburger Bürgermeister Brauer am Vorstandstisch saß, richten sich die Wahlhoffnungen der Partei. Es störte auch keinen, daß der Kanzlerkandidat direkt von einer Privataudienz beim Papst zum Parteitag geeilt war. Früher hätte sich wohl manchem im Marxismus ergrauten Genossen das Herz im Leibe herumgedreht bei dem Gedanken, daß ein Mann, sozusagen mit dem Segen des Oberhauptes der katholischen Kirche versehen, vor einen Parteitag treten könnte, um sich dort als Chef der SPD-Regierungsmannschaft bestätigen zu lassen. Heute aber gehört der Besuch beim Papst wohl mit zum „Aufbau“ eines sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten.

Ein roter Nelkenstrauß

Auch das äußere Bild des Parteitages zeigte das Bemühen, die SPD den bürgerlichen Wählern schmackhaft zu machen. Nicht nur darin, daß die 320 Delegierten einen höchst respektablen, wohlsituierten Eindruck machten – das versteht sich seit langem von selbst. Auch in der Farbsymbolik hat die Partei alte Gepflogenheiten aufgegeben: Rot scheint seit neuem verpönt zu sein. Außer einem roten Nelkenstrauß und einer einsamen Traditionsfahne neben der Vorstandstribüne fand sich kaum ein roter Farbtupfer in der Dekoration des Saales. Blau, Beige und Gelb waren die herrschenden Farben.

Kein Zufall war es wohl auch, daß sich die SPD gerade Hannover als Tagungsort ausgesucht hatte; denn hier, in einer dunklen Arbeiterwohnung in der Jakobstraße, hatte Kurt Schumacher im April 1945 mit dem Wiederaufbau der Partei begonnen. In Schumacher hatte die SPD damals einen Führer, dessen Wort auch bei jenen etwas galt, die nicht der Partei zugehörten. Hier in Hannover sollte nun Willy Brandt als Kanzlerkandidat gekürt werden – auch er ein Mann, von dem die Wahlstrategen der Partei glauben, daß er weit über seine Partei hinauswirkt.