In den letzten Tagen lagen die Aktienkurse kräftig unter Druck. Fast alle Papiere hatten Verluste hinzunehmen. Aber wieder war das Angebot nur klein. Oftmals wurden die Kurse mit wenigen Tausend D-Mark empfindlich nach unten gedrückt. Allerdings nahm die Verkaufsbereitschaft bei sinkenden Kursen zu, ein deutliches Zeichen dafür, daß die Bankenkundschaft nervös geworden ist. In den meisten Fällen wird versucht, die in der Regel immer noch vorhandenen Kursgewinne sicherzustellen – ehe bei einer weiteren Abwärtsentwicklung der Einstandskurs wieder erreicht ist. Die Käufer halten sich andererseits zurück, in der Hoffnung, eines Tages noch billiger einsteigen zu können. Dabei ist festzustellen, daß der Kreis der möglichen Aktienkäufer gegenwärtig sehr klein ist. Die Banken und Versicherungen scheiden zur Zeit aus. Die Banken, weil sie Vorsorge für eine erhöhte Liquidität treffen müssen (allein der kommende Steuertermin verlangt 6 Mrd. DM, abgesehen von den Beträgen, welche die "Industrie-Milliarde" erfordert). Die Versicherungen andererseits haben über ihre liquiden Mittel bis zum Jahresende weitgehend disponiert, zumal auch sie sich an der Industrie-Milliarde beteiligen werden. Vom Ausland liegen keine Kaufaufträge vor, im Gegenteil, von dieser Seite werden regelmäßig kleinere Posten abgestoßen. Nach Lage der Dinge ist vorerst eine neue Auslandskaufwelle schwer vorstellbar. Die internationale Spekulation konzentriert sich auf die New Yorker Börse, ohne vorerst dort mit großen Beträgen aktiv zu werden.

"Vom Markt" her" ist die Börsensituation also äußerst empfindlich. Sie reizt dazu, Baisse-Spekulationen einzuleiten, die sich natürlich erst dann richtig lohnen, wenn man dafür sorgt, daß der sich abzeichnende Kurseinbruch auch ausgeweitet wird. Das ist sicherlich in dem einen oder anderen Fall versucht worden. Solche Börsenmanipulationen sind für den Daueranleger nur von untergeordneter Bedeutung, denn "technische" Schwächen lassen sich leicht und schnell wieder ausgleichen, aber nur dann, wenn sie wirklich allein "technisch" bedingt sind.

Ohne Zweifel wäre es leichtfertig, die gegenwärtige Kursschwäche ausschließlich als ein spekulatives Baisse-Manöver abzutun. Denn in der Tat hat sich die Börsensituation gegenüber dem börsenheißen Sommer geändert. Nicht durch die Bundesbankpolitik oder die Konjunkturpolitik der Bundesregierung, sondern durch das Eingreifen der Amerikaner, die ihre Devisenbilanz jetzt mit freiwilliger oder unfreiwilliger Unterstützung der europäischen Staaten, in der Hauptsache der Bundesrepublik, in Ordnung bringen wollen. Die Börse fürchtet, daß der erhöhte Beitrag für die Entwicklungshilfe und die geforderte Aufstockung der Stationierungskosten nur die ersten Schritte auf diesem Wege sind. Niemand weiß außerdem, was die Weltwährungskonferenz bringen wird. Eine Veränderung der Währungsrelationen kann nicht ausgeschlossen werden. Für die deutsche Industrie würde dann eine merkliche Exporterschwerung eintreten. Unterstellt, man weiter, daß die erhöhten Lasten auf die Dauer nur über Steuererhöhungen aufgebracht werden können, dann bedeutet das für die Börse letzten Endes eine Klimaverschlechterung. Wenn man daneben noch die Zweifler an der Hochkonjunktur zu Worte kommen läßt, die geneigt sind, bereits für 1961 den Beginn einer leichten Rezession in der Bundesrepublik vorauszusagen, so hat man die negativen Faktoren alle beieinander.

Nun ist die Börse alles andere als ein Planspiel, und niemand vermag mit Sicherheit vorauszusagen, welche Faktoren die Aktienmärkte im nächsten Sommer beeinflussen werden. Schon Ende dieses Jahres kann die Tendenz wieder freundlich’ sein, wenn nämlich 2 Mrd. DM an Zinsen aus den festverzinslichen Papieren frei werden. Aber selbst die größten Optimisten getrauen sich im Augenblick nicht, das Wort "Hausse" in den Mund zu nehmen.

In dieser Situation liegt natürlich die Frage nahe, inwieweit die Wertpapierdepots neu geordnet werden müssen. Oder drastisch gesagt: Soll man seine Aktien verkaufen? Ohne Zweifel ist diese Frage von einigen Leuten bejaht worden. Aber wohin mit dem Geld? Wer am Sachwertdenken festhält, erwirbt Grund und Boden. Nach einer vorübergehenden Entlastung des Grundstückmarktes glaubt man, nunmehr wieder ein Anziehen der Quadratmeterpreise beobachten zu können. Man führt das auf Käufe zurück, die durch Aktienverkäufe finanziert werden. Ob man aber angesichts der hohen und vielfach übersteuerten Grundstückspreise auf diese Weise nicht vom Regen in die Traufe kommt?

Eine Großbank hat ihrer Kundschaft geraten, einen Teil der Aktien künftig in festverzinslichen Werten anzulegen, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg, denn die Rentenkurse haben sich nicht mehr befestigt. Dennoch hat der Rat sicherlich einiges für sich, wenn er mit Maßen befolgt wird. Wer heute allerdings Aktien verkauft, da sie teilweise um 20 bis 30 Prozent unter ihrem bisherigen Höchstkurs notieren, muß wissen, daß er sich um die Chance bringt, an einer möglichen Kurserholung teilzunehmen. Unterstellen wir ruhig, daß das nächste Jahr für die Wirtschaft und damit auch für den Aktionär härter werden wird. Aber hat die in diesen Tagen vorgenommene Kurskorrektur nicht schon einen Teil der zwangsliufig kommenden Klima-Änderungen vorweggenommen? Sicherlich werden wir unseren Diviaendenoptimismus revidieren müssen. Das Beispiel MAN beweist, wie vorsichtig die Verwaltungen bereits heute sind, wenn sie trotz einer 27prozentigen Umsatzsteigerung auf eine Dividendenerhöhung verzichten, wie es MAN mit der Beibehaltung der 14prozentigen Ausschüttung getan hat.

Man hüte sich aber vor allzu primitiven Rendite-Rechnungen. Bei den Aktien gehört mehr zur Rendite als nur der ausgeschüttete Gewinn. Im nächsten Jahr, wenn die aufgegliederte Gewinn- und Verlustrechnung vorgeschrieben ist, werden wir ziemlich genau sehen, wieviel bei den Unternehmen verdient wird. Wir werden dann aber auch erkennen, daß man die Aktien- und die Rentenrendite nicht ohne weiteres miteinander vergleichen kann. Dabei braucht das leidige Problem des Kaufkraftschwundes nicht einmal diskutiert zu werden. Kurt Wendt