Von Walter Abendroth

Kleine Arabesken lassen oft die große Problematik wie in einem Blitzlicht aufleuchten, so daß jeder sie sehen kann, der sehen will. Aber den Kern der Sache erkennen die wenigsten in einer solchen, schnell vorübergehenden grellen Lichtsekunde.

Helena Rubinstein, die ehrwürdige Königin der Kosmetik und begeisterte Kunstmäzenin, hatte einen Wettbewerb für junge deutsche Maler ausgeschrieben, Thema: „Die Frau im modernen Leben“. In München wurden nun 100 von den insgesamt 1300 eingesandten Bildern ausgestellt. Eine Schau, die, alles in allem genommen, einen ausgesprochen faden Durchschnitt darbietet, und zwar diese Wertstaffelung innerhalb sämtlicher denkbaren zeitgenössischen Kunstrichtungen, die hier vollzählig vertreten sind.

Madame Rubinstein selbst, die für den Wettstreit der Ideen, Stile und Potenzen nicht weniger, als 50 000 DM stiftete, scheint von dem Ergebnis nicht sehr befriedigt gewesen zu sein. Ihr Ausspruch, sie finde die Bilder „etwas zu traurig, zu pessimistisch“, sie hätte sie „eigentlich lieber etwas fröhlicher gehabt“, faßt in sich alle Vorbehalte zusammen, die sich auch dem Beschauer der Ausstellung aufdrängen. Abgesehen nämlich davon, daß die wenigsten Bilder überhaupt auf das Thema eingehen (sehr viele sind einfach Frauenbilder ohne jede Beziehung zum heutigen oder irgendeinem Zeit- und Lebenshintergrund), ist das „moderne Leben“ weit überwiegend als ein total dämonisiertes Höllendasein gesehen, und die Frau – sofern verkrampfte Abstraktion sie nicht in ihre anatomischen Bestandteile zerhackte (merkwürdig, daß auch im abstraktesten Farben- und Liniendestillat Busen und Hinterteile meist anscheinend unentbehrliche Gegenständlichkeit, mindestens andeutungsweise, oft aber demonstrativ, bewahren!) – „die Frau“ also präsentiert sich beinahe ausnahmslos als ein Geschöpf von bejammernswerter Reizlosigkeit, häßlichen, starren, dumpfen, ausdrucksleeren oder fratzenhaften Angesichts, struppig, verschlampt, langweilig, nichtssagend. Das gilt auch von den Darstellungen der Preisgekrönten (1. Preis: Eberhard Michel).

Schön – oder vielmehr nicht schön –; mag sein, daß man gerade bei diesem Anlaß den Wettbewerb nicht als den einer Kosmetikerin, sondern eben den einer kultivierten Kunstfreundin verstanden haben wollte. Immerhin, Frau bleibt Frau, und Leben bleibt Leben, und laut klar formulierter Aufgabe darf der Betrachter erwarten, daß die heutige Frau und das heutige Leben so aussehen, wie hier schier hundertfältig im Bilde bezeugt. Fürwahr, wer hätte beides nicht gern „etwas fröhlicher gehabt“!

Aber nicht das ist jene Problematik, die ich meine. Sie tritt in der babylonischen Sprachverwirrung hervor, die sich in Anknüpfung an die Ausstellungseröffnung herausstellte. Es gab nämlich noch ein kunstpolemisches Nachspiel. Eine größere Anzahl Münchner Akademiestudenten, ausjurierte Teilnehmer am Wettbewerb, veranstalteten an der Außenwand der Glyptothek eine Gegenausstellung.

An sich nichts Neues; solche Protestaktionen Abgewiesener hat man häufig erlebt. Aber nun die Argumente! Dr. Hans-Konrad Röthel, Direktor der Städtischen Galerie und Vorsitzender der Jury, hatte behauptet, alle Bilder, bei denen der Bezug zum Thema überhaupt nicht feststellbar gewesen sei, seien ausjuriert worden.