Von Hans Magnus Enzensberger

Der Bestseller dieses Herbstes ist unter Ausschluß der (literarischen) Öffentlichkeit erschienen; kein Hahn hat nach ihm gekräht, kein Rezensent hat ihn unter die Lupe genommen. Auf der Frankfurter Buchmesse sah man sich vergeblich nach ihm um.

Nicht von einem Roman ist hier die Rede, sondern von einem Sach- und Handbuch, das ein eingehendes Studium verlangt. Keiner unter seinen Benutzern stellt es ungelesen in den Bücherschrank, griffbereit liegt es auf den Küchentischen. Es umfaßt knapp vierhundert Seiten in Quarto und ist üppig, beinahe ausschweifend illustriert. Dabei kostet es nur zwei Mark; ja, dem Käufer winkt obendrein noch eine Zuwage: ein Büstenhalter, eine Taschenlupe, "Monikas lustige Streiche", eine Kreuzabzweigdose oder sechs Königsberger Klopse.

Vom Herbstkatalog des Versandhauses N. in Frankfurt am Main ist die Rede. Nicht nur für die Kunden der Firma, die es ediert hat, ist dieses Werk unentbehrlich. Politiker und Soziologen, Nationalökonomen und Romanciers ist seine Lektüre auf das dringendste anzuraten. Obgleich es der Werbung dient, gibt es Auskünfte von der striktesten Objektivität, die man sich wünschen kann. Es ist unbestechlicher als jede demoskopische Untersuchung. Nicht unverbindliche Antworten auf unverbindliche Umfragen werden hier registriert, sondern Beschlüsse der kompakten Majorität, die in bar bezahlt worden sind.

Es sind Beschlüsse, die das private Dasein dieser Majorität betreffen. Sie lebt, wie wir alle, in einem Horizont von Waren. Sie möchte, wie wir alle, "etwas vom Leben haben", und dieses Etwas verdinglicht sich im Konsumgut.

Die Umzingelung durch derartige versteinerte Wünsche ist so dicht, daß sie das alltägliche Leben dessen, der von ihnen eingeschlossen ist, geradezu definiert; mit der Einschränkung freilich, daß nur die Innenseite dieses Lebens sichtbar wird: Es ist ein Leben, das seinen öffentlichen, seinen gesellschaftlichen Aspekt beharrlich verleugnet. Ein Ethnologe aus dem Jahr 3000 könnte aus diesem Katalog genauere und furchtbarere Schlüsse auf unsere Zustände ziehen als aus unserer ganzen erzählenden Literatur.

Der Katalog des Versandhauses N. in Frankfurt ist ein Bestseller ohne Autor. Er ist anonym nicht nur, weil er eine Gruppe unbekannter Werbetexter zu seinen Verfassern hat, sondern in einem weit radikaleren Sinn. Jene Werbetexter gehorchen den Anweisungen ihres Managements. Diese Anweisungen aber gehorchen ihrerseits der Verkaufsstatistik. Der Erfolg des Angebotes und damit des Kataloges hängt davon ab, daß es gelingt, den Zufall zu eliminieren.