Professor Kunischs Bekenntnisse

Manchmal haben wir, vornehm und zurückhaltend, wie das unsere Art ist, anzudeuten versucht, daß es nicht immer an der Ministerialbürokratie liegt, wenn nicht genügend Lehrstühle da sind für unsere Studenten; daß es, horribile dictu, vor allem an den philosophischen Fakultäten wohl gar die amtierenden Lehrstuhlinhaber selber sind, die einer Erweiterung des Lehrkörpers nicht immer begeistert zustimmen.

Sehr vorsichtig und ziemlich höflich schrieb ich davon in einem Pamphlet, das – zunächst in der ZEIT veröffentlicht – in Zürich (!) unter dem Titel "Der Sündenfall der deutschen Germanistik" als Büchlein erschienen ist. Die Reaktion unserer germanistischen Seminare darf man als milde unfreundlichen Versuch einer psychologischen Interpretation bezeichnen.

Einen Fall wie den folgenden hätte ich mir dabei nicht einmal auszudenken gewagt: Da hat jetzt, wie wir der "Süddeutschen Zeitung" vom 16. Nov. 1960 entnehmen, das Bayerische Kultusministerium eine Planstelle für lebende Literatur, Kritik und Poetik an der Universität München geschaffen und finanziell sichergestellt.

Und an der Universität ist daraufhin doch wohl große Begeisterung ausgebrochen über so viel einsichtige Großzügigkeit? Nun, der in erster Linie zuständige Mann ist der amtierende Ordinarius für neuere deutsche Literatur, Professor Dr. Hermann Kunisch, dessen Verdienste um modernes Schrifttum, soweit wir das beurteilen können, vor allem darin liegen, daß er seine Studenten mit Vorliebe darauf hinweist, was für eine widerliche Institution die Presse ist. Wir fürchten, daß wir im Augenblick wenig dazu beitragen können, ihm da eine bessere Meinung zu geben. Denn in die Geschichte der deutschen Universitäten eingehen wird Hermann Kunischs Reaktion auf die Nachricht von dieser höchst wünschenswerten Erweiterung der Münchner Germanistik – und es ist daher Chronistenpflicht, sie festzuhalten. Der Rilke-Deuter und Stifter-Interpret Hermann Kunisch sagte: "Mit der Idee, einen solchen Lehrstuhl zu schaffen, kam man genau in dem Augenblick, in dem ICH (unsere Hervorhebung) begann, über moderne Literatur zu lesen. Es ist wohl verständlich, daß ich mich gegen diesen Plan wehre."

Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Leo