London, Anfang Dezember

Das Gesicht Englands zeigt sich oft am klarsten im Fernsehen, im Theater und im Film“, sagte dieser Tage der Vorkämpfer eines neuen Realismus, John Osborne, der Erfinder des Zornigen Jungen Mannes. Die Theoretiker des Films, so äußerte er sich, ließen sich nur selten dazu herab, selber einen Film zu machen. Karel Reisz, der Regisseur des Films „Saturday Night and Sunday Morning“, gehört zu den theoretischen Wortführern der Avantgarde und zugleich zu ihren praktischen Verwirklichern. Nach dem Halbstarken-Film „Die Lambeth-Boys“ hat er nun das Leben der arbeitenden Jugend, die wöchentlich rund 200 Mark verdient, zum Thema genommen. Ein realistischer Film hat das Recht, hat die Pflicht, dieses Leben so darzustellen, wie es ist, die inhaltlose Arbeitswoche, deren Ziel das Weekend ist, das im Zeichen des Saufens, der Liebe und des Austobens steht.

Die Handlung des Romans von Allan Sillitoe wurde im wesentlichen beibehalten; Verfasser des Drehbuchs ist nämlich Sillitoe selbst. Es handelt sich um die Schilderung eines Liebesverhältnisses zwischen einem Jungarbeiter und der Frau eines Kollegen, mit versuchter Abtreibung, brutaler Schlägerei und schließlich Pseudo-Happy-End; es wird eine Durchschnittsehe mit Einfamilienhaus, Badezimmer und Fernsehgerät geschildert.

Zunächst fällt an dieser Darstellung des englischen Wochenendes auf, daß die Kirche, die Religion, der noch für „Blick zurück im Zorn“ unentbehrliche Kontrapunkt der Kirchenglocken, hier überhaupt nicht hörbar wird.

Und die Liebe? Unter dem Namen Sex ist dies ein Genuß, den die Frau ebenso braucht, zu dem sie ebenso berechtigt ist – mindestens – wie der Mann. Aber ist es wirklich Realismus, die Sache so darzustellen, als ob man sich dazu im Leben so entschließt und so verabredet wie zu einer Flasche Bier? Ist nicht die abgespielte Komödie von Widerstand und Uberwindung, die aber im Leben seit eh und je – und mit genau verteilten Rollen – gespielt wird, die größere Wahrheit, der wahre Realismus?

Daß man zum Nachdenken über all dies und vielleicht noch mehr angeregt wird, spricht allein schon für den Film und seine Gestaltung. Kamera-Effekte und Schnitt, zum Beispiel das wahrhaft filmische Erlebnis einer Fahrt auf dem Motorroller, an deren Rand Rache und Strafe warten, sind der Darstellung durchaus ebenbürtig. Und das will viel heißen, denn aus einem hervorragenden Darstellerensemble ragt noch der junge Mensch und Schauspieler Albert Finney hervor, der den Helden des Wochenendes verkörpert. Man glaubt ihm die Drehbank ebenso wie die Bierflasche, obwohl oder gerade weil er keine Type, kein Darsteller seines Genres ist, sondern ein richtiger junger Könner „vom Bau“, der sich bereits in klassischen und modernen Rollen der Sprechbühne bewährt hat. In Stratford hat er Laurence Olivier den Coriolan nachgespielt.

Neben Laurence Olivier besitzt das englische Theater augenblicklich noch sieben in den Adelsstand erhobene Schauspieler. Albert Finney aber verfügt heute schon über den Geburtsadel einer starken Begabung und eines eiskalten Temperaments. Kein zorniger – aber höchstwahrscheinlich der kommende junge Mann. Rudolf Hermann