Die Literaturkritik ist wenig belastet von „Methodenfragen“. Worin sie sich vorteilhaft unterscheidet von ihrer Stiefmutter, der Germanistik. Aber es scheint an der Zeit, wieder einmal Klarheit zu schaffen über die Möglichkeiten: In welcher Form können Werke der Gegenwartsliteratur besprochen werden?

1. Nüchtern sachlich. Kritiker und Autor verschwinden hinter dem „Text“. Diesem allein gilt die von allen Gefühlen freie Betrachtung.

Hauptvorzug: Seriöse Gerechtigkeit.

Hauptnachteil: Kaum jemand würde eine Buchbesprechung lesen, bei der diese Methode wirklich konsequent angewandt wäre – selbst wenn es jemanden gäbe, der sie schreiben könnte.

2. Farbig sachlich. Keineswegs nüchtern-sachliche Charakterisierungen („schön“, „löblich“, „liebenswert“; „banal“, „mißlungen“, „abzulehnen“) sind zugelassen. Die natürliche Beziehung von solchen Charakterisierungen zu lebenden Personen (Leser, Autor, Kritiker) darf jedoch nicht hergestellt oder mindestens nicht betont werden.

Hauptvorzug: Das Sachliche findet sich mit dem Nützlichen und dem Üblichen verbunden.

Hauptnachteil: Persönliches wird eher verschwiegen oder geleugnet als ausgeschaltet.