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Die Literaturkritik ist wenig belastet von „Methodenfragen“. Worin sie sich vorteilhaft unterscheidet von ihrer Stiefmutter, der Germanistik. Aber es scheint an der Zeit, wieder einmal Klarheit zu schaffen über die Möglichkeiten: In welcher Form können Werke der Gegenwartsliteratur besprochen werden?

1. Nüchtern sachlich. Kritiker und Autor verschwinden hinter dem „Text“. Diesem allein gilt die von allen Gefühlen freie Betrachtung.

Hauptvorzug: Seriöse Gerechtigkeit.

Hauptnachteil: Kaum jemand würde eine Buchbesprechung lesen, bei der diese Methode wirklich konsequent angewandt wäre – selbst wenn es jemanden gäbe, der sie schreiben könnte.

2. Farbig sachlich. Keineswegs nüchtern-sachliche Charakterisierungen („schön“, „löblich“, „liebenswert“; „banal“, „mißlungen“, „abzulehnen“) sind zugelassen. Die natürliche Beziehung von solchen Charakterisierungen zu lebenden Personen (Leser, Autor, Kritiker) darf jedoch nicht hergestellt oder mindestens nicht betont werden.

Hauptvorzug: Das Sachliche findet sich mit dem Nützlichen und dem Üblichen verbunden.

Hauptnachteil: Persönliches wird eher verschwiegen oder geleugnet als ausgeschaltet.

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3. Farbig persönlich. Der Rezensent wendet sich als „ich“ an das „Sie“ seiner Leser; er verzichtet darauf, das Werk von seinem Autor (und seinem Beurteiler!) ganz loszulösen.

Hauptvorzug: Der Zusammenhang zwischen Leben und Literatur wird bestehen gelassen – was sowohl aufrichtig wie interessant sein kann.

Hauptnachteil: Das Buch dient möglicherweise nur noch als Vorwand zur Selbstbespiegelung des Rezensenten oder zur Charakterisierung (Beweihräucherung, Verunglimpfung) des Autors.

Unmittelbarer Anlaß zu unseren Überlegungen waren Leser-, Verleger-, vor allem aber Autoren-Reaktionen auf Buchbesprechungen in der ZEIT. Besonders anregend wirkten da offenbar: Robert Neumann über Alfred Anderschs „Die Rote“ (ZEIT Nr. 44); Petra Kipphoff über Carl Zuckmayer und die neue Ausgabe der Werke bei S. Fischer (ZEIT Nr. 42); Rudolf Walter Leonhardt über Eckart Kronebergs „Der Grenzgänger“ (ZEIT Nr. 43); Günter Blöcker über Martin Walsers „Halbzeit“ (ZEIT Nr. 45).

Diese Bücher und diese Besprechungen zogen, wie der Komet seinen Schweif, nicht endenwollende Korrespondenzen nach sich und Diskussionen innerhalb der ZEIT-Redaktion, im Freundeskreis, unter Lesern; zuletzt in langen Nächten anläßlich des Treffens der Gruppe 47 in Aschaffenburg. Bei den meisten dieser Diskussionen habe ich es bedauert, daß sie nicht öffentlich geführt werden konnten.

Noch ein paar persönliche Anmerkungen zu den drei Möglichkeiten:

1. Nüchtern sachlich. Dazu fällt mir nichts ein. Ich würde jede Rezension eines Mitarbeiters der ZEIT, die darauf hinzielte, mit Freuden abdrucken – obwohl ich es eigentlich für verlorne Liebesmüh halte; obwohl ich darin eine unheilvolle Verwechslung von Literaturwissenschaft und Literaturkritik sehe; obwohl ich dahinter Bemühungen um eine Quadratur des Kreises fürchte; obwohl weder Autoren noch Rezensenten gern damit einverstanden sind, daß (was doch eigentlich eine logische Konsequenz dieser Art von Buchbesprechungen wäre) ihre Namen nicht genannt werden.

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2. Farbig sachlich. Ich bin mir klar darüber: Dies muß, nach wie vor, die üblichste Art der Buchbesprechung sein. Jeder Redakteur weiß allerdings, daß etwa die Hälfte der von ihm zu verantwortenden Rezensionen von „persönlichen“ Faktoren (Neigung, Abneigung, Interesse oder Interessen, Rücksichten) nicht völlig frei sein kann, und er wird von Fall zu Fall zu entscheiden haben, ob er dennoch eine Besprechung verantworten möchte, die solche Faktoren enthält, ohne sie beim Namen zu nennen.

3. Farbig persönlich. Von dieser Möglichkeit halte ich mehr, als einem „seriösen“ Freund der Literatur guttut. Theoretisch spricht mir alles dafür. Die Buchbesprechungen, die ich am interessiertesten lese – sei es in der amerikanischen Time oder in den englischen Sonntagszeitungen oder im deutschen Monat – sind in dieser Art geschrieben. Freilich stehen ihr auch mancherlei Bedenken entgegen: 1. muß man für eine solche Besprechung, wenn sie nicht ganz unzulänglich sein soll, mehr Platz haben, als üblicherweise von der Redaktion einer Zeitung für die Besprechung eines einzelnen Buches freigegeben werden kann; 2. – ich wies bereits darauf hin – besteht die große Gefahr, daß das Persönliche, gerade weil es so viel Interesse auf sich zieht, überhandnimmt; nicht mehr Einordnungsmittel, sondern Selbstzweck wird, zu Mißbrauch verführt und auf einmal Absichten dient, die ganz außerhalb der Literatur liegen.

Keine der drei Möglichkeiten der Literaturkritik will mir als die schlechterdings beste oder gar die einzig vertretbare erscheinen. Jede davon ist, denke ich, brauchbar – und mehr als das – wenn derjenige, der von ihr Gebrauch macht, sie mit Takt und Verständnis und Liebe zu brauchen weiß – das notwendige Talent freundlich vorausgesetzt: Takt gegenüber dem Autor, Verständnis für seine Leser, Liebe zur Literatur. Der Liebe zur Literatur jedoch gebührt bei einem Konflikt der Loyalitäten der erste Platz; sie kann es rechtfertigen, daß auf den Autor oder auf das Verständnis für die Leser keine Rücksicht mehr genommen wird.