Im Streit um die neue, die ältere und die alte Musik ist derjenige am besten beraten, der sich für die – gute Musik entscheidet und sich nicht scheut, aufrichtig und leidenschaftlich dort zu bewundern, wo er in den Werken zeitgenössischer, ja avantgardistischer Komponisten große Kunst findet. Was derlei Auswahl angeht, so hat der Chef des NDR-Symphonie-Orchesters Hans-Schmidt-Isserstedt schon manches Mal die Dankbarkeit seines Konzertpublikums verdient und erhalten, letzthin durch die musterhafte Aufführung des Requiems von Boris Blacher in der Hamburger Musikhalle.

Vorangestellt war die „Symphonie liturgique“, die Honegger nach dem Kriegsende schrieb und die nicht etwa, wie der Titel erwarten ließ, liturgische, also gregorianische Motive enthält, sondern eher eine expressive „Tondichtung“ von jenem geistigen Gehalt ist, der nach musikgeschichtlichen Beispielen – oder ist es bloß Konvention? – die Zuhörer an Tod, Schrecken und zuletzt an Tröstung denken läßt. Ein meisterlich gebautes Stück, das der große Liszt geschrieben haben könnte, wäre er Honeggers Zeitgenosse gewesen.

Dieser aufwühlenden, kühnen, aus romantischen Vorstellungen gespeisten Symphonie konfrontiert, wirkte Blachers „Requiem“ doppelt antiromantisch, wie es nach der Absicht und dem Charakter des Komponisten ohnehin ist. Das Werk ist von einer unglaublichen Kühnheit, die vielleicht am besten durch eine Metapher ausgedrückt werden kann: Bei Honegger eine wohlausgebaute Architektur aus fülligem, festem Material – bei Blacher Konstruktionen mit sparsamster Anwendung des Stofflichen. Dort, bei Honegger, die schweren Mauern und Pfeiler romantischer Kirchen; hier, bei Blacher, das Prinzip des gotischen Baumeisters, der nur wenige Stützen braucht für Wände, an denen sich – weil das körperliche Material möglichst ausgespart wird – ein schwebendes Wunder vollzieht: das Wunder des Lichts. Musikalisch erläutert: Bei Honegger beginnt die Melodie, und man verfolgt ihren makellosen Lauf bis dorthin, wo sie endet; bei Blacher sind nur die Anfangs- und Endpunkte da. „Atonale“ Wirkungen, erzielt mit „mathematischen“ Mitteln? Eher eine archaische Tonsprache, streng, weil sie auf alles verzichtet, was Liebreiz heißt und die Sinne erfreut. Bezeichnend, daß es unter dem Publikum sichtlich die jungen Menschen waren, die dies nicht nur begriffen, sondern davon gepackt wurden.

Freilich war die Darbietung des (aus den Sängern des RIAS-Senders und des Norddeutschen Rundfunks) gebildeten Chors, des Orchesters und der Solisten Edith Lang und Herbert Brauer so vorzüglich, daß manche eher der Aufführung als dem Werk Beifall zu spenden schienen. Aber moderne, „unbequeme“ Musik setzt sich nur mit Hilfe der allerbesten Kräfte durch. Wenn die Neue Kunst mißverstanden wurde, lag es schon oft am Unvermögen der Ausführenden, welche die Tatsache, daß sie vor Mozart versagen, durch den Anspruch auf Avantgardistentum wettzumachen suchen.

Wie sehr aber beispielsweise Mozart der Prüfstein bleibt, zeigt Schmidt-Isserstedts herrliche Interpretation des „Figaro“ zur Zeit in der Hamburger Staatsoper – wofür nicht zuletzt dem Intendanten Liebermann zu danken ist, der den Konzertdirigenten ans Opernpult zurückholte und ihm den Regisseur Rennert zur Seite gab. J. M.