Zumindest bis zum Jahresende bleibt der deutsche Kapitalmarkt noch angespannt. Die Abwicklung der Herbst- und Weihnachtsfinanzierung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Dazu kommt der Steuertermin am 10. Dezember und das Bedürfnis der Banken, am Jahresultimo möglichst liquide zu sein. Außerdem spielen die Vorbereitungen zur Zeichnung der Industriemilliarde eine Rolle.

Andererseits tut die Bundesbank nichts, um die Lage zu erleichtern. Im Gegenteil, sie ist froh, daß ihre Konjunkturbremsen jetzt wirksam werden. Die rasche Unterbringung der Bundespostanleihe (6 Prozent, 150 Mill. DM) paßt zwar nicht ganz in das düstere Bild der gegenwärtigen Liquiditätssituation, aber sie ist ein Sonderfall, zumal große Beträge der Emission – trotz der gegenteiligen Wünsche der Bundesbank – ins Ausland abgeflossen sind. Die Aufbringung der Mittel für die Bundespostanleihe ist zum Teil durch Verkauf anderer Rentenwerte geschehen, denn insgesamt lagen die Kurse der festverzinslichen Papiere unter Druck.

Unter den gegenwärtigen Umständen kam die Nachfrage nach Aktien unmöglich groß sein. Deshalb führt bereits ein relativ geringes Angebot zu sinkenden Kursen. Wenn sich die Abgaben stärker vermehren, weil – wie es in der vergangenen Woche der Fall war – eine Reihe von Kleinanlegern nervös zu werden begann, dann ist eine echte Baisse-Bewegung unausbleiblich. Die Börse verlangt heute gute Nerven! Weder die scharfen Kursausschläge nach unten, noch die sich daran anschließende Kurserholung können mit politischen oder wirtschaftlichen Ereignissen motiviert werden. Bei den Bewegungen handelt es sich ausschließlich um markttechnische Reaktionen. die durch "Stimmungen" der Bankenkundschaft und der "kleinen" Spekulation vertieft werden. Diese – oftmals dramatischen – Kursschwankungen können sich jederzeit wiederholen. Besonders dann, wenn das Ausland als Käufer auftritt,

Wir dürfen uns nicht täuschen: Den Tendenzschlüssel für die deutschen Aktienmärkte halten jene ausländischen Gruppen in der Hand, die in diesem Sommer die Aktienhausse verursacht haben. Stoßen diese Gruppen ihre Papiere wieder ab, und zwar massiert, dann wird sich niemand finden, der bei uns die Kurse stützt. Die Börse ist nun einmal keine Kinderbewahranstalt. Wer zu den hohen Sommerkursen gekauft hat, mußte wissen, daß er zu Preisen eingestiegen ist, die von vielen Seiten, an der Spitze die Bundesbank, als zu hoch bezeichnet worden sind. Man darf also nicht in jedem Falle nach einer Kurspflege rufen. Daß einige Banken dennoch in der vergangenen Woche eingegriffen haben, um den nicht zu rechtfertigenden Baisse-Spuk zu beseitigen, dürfte daran gelegen haben, daß nicht das Ausland Ursache für die sinkenden Kurse war, sondern vielmehr die eigene Kundschaft, die das Vertrauen in die Aktienlage zu verlieren begann und die versuchte, noch vorhandene Kursgewinne schleunigst sicherzustellen.

Und es kam wie schon so oft. Wer unüberlegt verkauft hatte, sah wenige Stunden später die Kurse um 30 bis 40 Punkte nach oben davonziehen. Im Grunde hatte nicht viel dazu gehört, die Abwärtsentwicklung zum Stehen zu bringen. Es genügte, daß von maßgeblicher Seite Kaufbereitschaft gezeigt wurde. Sofort verebbten die Verkaufsaufträge – und die Spekulation begann – im Verein mit der "beweglichen" Kundschaft – zu steigenden Kursen Aktien aus dem Markt zu nehmen.

Bedeutsam an der Tendenzwende ist gewesen, daß sich auf dem niedrigen Kursniveau auch das Ausland wieder interessiert an deutschen Aktien zeigte. Man darf die ausländischen Besitzer deutscher Aktien nicht als eine Einheit sehen. Auch bei ihnen gibt es Käufer und Verkäufer. Man wird deshalb damit rechnen können, daß bei stärkerem Kursdruck – verursacht durch ausländische Abgaben – von jenseits der Grenzen auch Kaufaufträge kommen werden.

Zur Beruhigung der Börsenlage hat der Ausgang der deutsch-amerikanischen Finanzbesprechungen beigetragen. Man war beruhigt, daß der Bundeskanzler den hochgeschraubten Forderungen der Amerikaner nicht nachgegeben hat. Noch beruhigter war man, als der Bundeswirtschaftsminister erklärte, daß die Annahme des finanziellen Angebots der Bundesregierung keine Steuererhöhungen zur Folge gehabt hätte. Tagelang hatte das Gespenst "Steuererhöhung" in den Börsensälen gegeistert. Jetzt ist man gewiß: Vor den Wahlen wird in dieser Richtung nichts passieren! Kurt Wendt