R. S., Bonn, im November

Im Palais Schaumburg wie im Auswärtigen Amt sah man noch vor kurzem der für den 4. Dezember festgesetzten Begegnung des Bundeskanzlers mit dem französischen Staatspräsidenten in Paris mit großer Skepsis entgegen. Erschreckend groß schienen die Gegensätze in einer Reihe wichtiger Fragen zu sein. Inzwischen ist man sich in einigen Punkten doch nähergekommen. Das gilt insbesondere für die strittigen Probleme der EWG. General de Gaulle scheint einer Fortsetzung der wirtschaftlichen Integration nicht mehr so starken Widerstand entgegenzusetzen wie in und nach Rambouillet. Der Bundeskanzler seinerseits hat nichts einzuwenden gegen die von General de Gaulle vorgeschlagenen regelmäßigen Zusammenkünfte der Regierungschefs der EWG und der ihnen von de Gaulle zugedachten Entscheidungsbefugnisse.

Viel schwerer dürften die Meinungsverschiedenheiten in den NATO-Fragen zu überbrücken sein. Zwar hält auch Dr. Adenauer eine Neukonstruktion der Befehlsgewalt für notwendig. Aber während er nach wie vor für eine möglichst weitgehende Integration der NATO-Streitkräfte eintritt, strebt der französische Staatspräsident auf eine Desintegration im Sinne einer Koalitionsarmee hin. General de Gaulle will eine eigene französische Atommacht aufbauen. Der Bundeskanzler neigt den amerikanischen Vorschlägen zu, nämlich der NATO als solcher eigene, vorläufig freilich noch nicht genau abgegrenzte Zuständigkeiten in bezug auf die atomaren Waffen zu geben. Der Kanzler lehnt die von General de Gaulle verlangte Sonderstellung Frankreichs jn einem Dreierkollegium an der Spitze der NATO ab. Er tritt bei grundsätzlicher Anerkennung der amerikanischen Führungsrolle für die Gleichberechtigung der übrigen NATO-Partner ein.

In all diesen Fragen wird es nicht leicht sein, eine gemeinsame Formel zu finden. Andererseits weiß General de Gaulle, daß ein großer Teil seiner Pläne nicht nur in Frankreich, sondern auch bei allen Verbündeten auf Widerstand stößt.