Von Josef Müller-Marein

An diesem ersten Adventssonntag blieb – in meiner Stube der Radioapparat stumm und der Bildschirm der Television (berlinisch: „Teller-Wischen“) unerleuchtet. Das Licht dieses nebeligen, zur Stille ermunternden Tages kam aus zwei Büchern. Das erste ist eine Sammlung von „Montagsglossen“ –

Rochus Spiecker: „Augen-Blick und Wimpern-Schlag“; Verlag Bibliotheca Christiana der Buchgemeinde Bonn; 198 S., 12,80 DM.

Und „Montagsglossen“ heißen die (meist) kurzen Stücke, weil stets am Wochenanfang eines von ihnen das Feuilleton der „Deutschen Zeitung“, Köln, bereichert hat. Gleich die Einleitung erinnerte mich an eine Geschichte, die mir vor vielen Jahren ein junger Theologiestudent erzählte: Bevor er ins Priesterseminar eintrat, hatte er noch einmal Karneval gefeiert, nicht schlimm, doch immerhin so, daß er nicht wußte, ob ihm nicht gewisse Gewissensbisse wohl anstünden. Er ging zu einem berühmten Beichtiger, einem Franziskanerpater: „Ich habe geküßt.“ – „Dann hast du was!“ – „Ich bin aber Theologe.“ – „Dann bist du was!“ sagte trocken der berühmte Mann. Natürlich spielte diese Geschichte in Köln.

In Köln, zu Füßen der Domtürme, lebt auch Rochus Spiecker, ein Dominikanerpater, gebürtiger Berliner. Er hat sich bisher für Funk und „Teller-Wischen“ interessiert, und als er gebeten wurde, für die Zeitung zu schreiben, sagte er zuerst ärgerlich: „Bitte! Du weißt genau, daß mein Herz dem Funk gehört, dem Hörspiel: dem Wort, das noch Wort ist – nicht Geschreibsel!“

Er sagte dies – wie er im Vorwort berichtet – zu seinem Schutzengel, mit dem er sich beriet. Dies ist der einzige Satz, der mir in seinem Buche nicht gefällt. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn der Schutzengel dem Herrn Pater eine Ohrfeige heruntergehauen hätte. Aber offenbar gedachte er der Tatsache, daß die Dominikaner zu den vornehmsten Orden der Kirche gehören, weil sie, wie man sagt, die weltweite Bildung der Jesuiten mit dem tiefen künstlerischen Sinn der Benediktiner und dem einfachen hilfsbereiten Herzen der Franziskaner vereinen. Immerhin ging der Schutzengel, wie Pater Spiecker mitteilt, auf keine Ausflüchte ein. Er sagte seinem Schützling: „Du vertrödelst die Zeit!“ und „Setze dich hin und schreibe...!“

Oh, daß wir alle solche Schutzengel hätten wie dieser fromme Pater und bewundernswerte Schriftsteller: einen mutigen, mächtigen, von Naturell gelassenen Schutzengel mit kölnischem Humor, der einen aufbrausenden, kritischen, hellwachen berlinischen Geist zügelt! So beguckt Pater Rochus, dem die Konventionellen ein Greuel sind, sich einmal die Avantgardisten und erkennt: Die meisten unter ihnen sind „in Wahrheit die wüstesten Reaktionäre, die man sich denken kann. Sie wollen beim Nichts anfangen. Und was noch nicht Chaos ist, muß zu Schrott zerschlagen werden.“ Und dann noch andere, „die meinen, um vorzustoßen, genüge es, anders zu sein als die anderen ... Als ob alles Abseitige schon genial wäre!“