Otto v. Loewenstern: „Was die Tiroler sagen“, ZEIT Nr. 46

Der Artikel gibt sehr zu denken. In dieser nüchternen Betrachtung wird von vornherein vorausgesetzt, daß im Bereich westlicher Demokratien das Selbstbestimmungsrecht einer Bevölkerungsmehrheit (der Südtiroler in der Provinz Bozen) übergangen wird. Im weiteren geht die Tendenz dahin, daß dieses fundamentalste aller Grundrechte doch wohl durch materielle Vorteile überwogen werde! Ein erschreckendes Dokument mangelnden demokratischen Empfindens, das uns hier – zwar aus dem Munde einzelner Südtiroler – serviert wird...

Abgesehen davon ist der Versuch zu begrüßen, das Südtirol-Problem leidenschaftslos zu betrachten. Hier bliebe allerdings neben dem Gesichtspunkt der Menschenrechte noch zu bedenken, ob es sich die westliche Welt leisten darf, daß in ihrem Kreise eine Bevölkerung nach 40 Jahren weiterhin entmündigt wird, während sie selber den nämlichen Vorwurf den kommunistischen Machthabers ständig entgegenhält.

Die heutigen Erleichterungen für die Südtiroler stellen nach der Unterdrückung durch Mussolini ein kluges, für die Masse der Bevölkerung jedoch nicht befriedigendes Entgegenkommen der italienischen Regierung dar. Den guten Willen beider Seiten vorausgesetzt, dürfte es aber auf dem Verhandlungswege durchaus möglich sein, das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler mit dem wirtschaftlichen Interesse Italiens zu vereinen. Nationalismus und Revisionismus sind hier keineswegs die einzigen Alternativen. Dr. V. Jacobshagen, Bonn

Bei einiger „sachlicher Nüchternheit“, auf die sich die Einleitung Ihres Artikels beruft, wird einem unbefangenen Besucher (in Südtirol) auffallen, daß er in Ortschaften, die asuschließlich oder überwiegend deutsch besiedelt sind, Briefmarken auf der Poststelle nur auf Italienisch kaufen kann, weil die Postangestellten kein Deutsch können. Das gleiche gilt in der Regel für die Fahrer des öffentlichen Omnibuslinienverkehrs. Offiziell ist Südtirol zweisprachig; für die italienische Verwaltung besteht diese Zweisprachigkeit aber auch heute noch praktisch nur darin, daß sie bei den Südtirolern vorausgesetzt wird, nicht aber für die Staatsverwaltung, ja, nicht einmal für die vom Staat eingesetzten Hauptgemeindebeamten gilt.

Wenn die italienischen Beamten jetzt endlich teilweise Deutsch lernen sollen, wie Herr von Loewenstern berichtet, dann zeigt das nur, wie weit die tatsächlichen Verhältnisse in Südtirol von den von Italien eingegangenen Verpflichtungen entfernt sind, und daß die kleinen Zeichen guten Willens, den die italienische Regierung jetzt anscheinend aufbringt, doch offenbar nur unter dem massiven Druck der Südtiroler von innen und der österreichischen Regierung von außen zustande gekommen sind ... Klaus Müller-Heidelberg,

Ministerialrat, Hannover