Von Arno Schmidt

Es gibt eine ganze Klasse von höchst merkwürdigen Büchern, nicht auszustudierenden; „Bücher, in denen auch Neues ist“, wie der Verfasser des einen es zu vorsichtig-guter Stunde formuliert hat.

Selbst die Kulissen bilden grundsätzlich „Neue Ufer“; ganze, meist prachtvoll erfundene Kontinente, Land- und Ortschaften, „abgespaltene Binnenreiche“. Eine komplette niedere Mythologie wird hinein ersonnen – „niedere“ im Sinne der Altphilologen: die ist die buntere – eine eigene Geschichte und Geographie ausgearbeitet.

Die Bevölkerung besteht einerseits aus der eigenen Gestalt, die mit – je nun, in heiterer Stimmung sagt man „putziger“, in mürrischer „schamloser“ – Meisterschaft der Selbstverherrlichung geschildert wird (oft gleich in mehrfacher Gestalt: man kann sich so einmal herzhaft von allen Seiten würdigen). Um sie herum intrigieren, schwarz wie Schatten und mit Neiderfratzen, die respektiven „Gegner“; nicht selten recht ehrenwerte und interessante Männer.

Als geläufige praktische Beispiele seien genannt: Dante, Göttliche Komödie; Klopstock, Gelehrtenrepublik; Moritz, Andreas Hartknopf; Swift, Gulliver; May, Silberlöwe; es gibt selbstverständlich noch einige Dutzend mehr davon.

Nachdenklich genug ist es, zu verfolgen, wie – zumal bei dem, fast unvermeidlich vorhandenen, Vorliegen leichter geistiger Störungen – umfangreiche Partien des eigenen Lebenslaufes da verdrängt und verkapselt wurden; wie selbst nicht gebilligte Verhalten aus dem Bewußtsein des Schreibers weg-ignoriert wurden, oder sich doch nur ganz eitel-verfälscht abbildeten. Und wehe dem Unseligen, der zum Erzfeind erklärt wurde: an ihn heftet sich alles, was der betreffende Dichter im Laufe der Zeiten an Zurücksetzung und Kränkung erfahren mußte. Denn von „visionärer Hast“ ist bei diesen ausgesprochenen Racheakten gar keine Rede; die meist umfangreichen Werke sind mit der sorgfältigsten Gemeinheit gearbeitet und die Urteile (richtiger Behauptungen) über den Antipoden werden mit jener entzückenden Offenheit abgegeben, die der Flegelei so ähnlich sieht, wie ein Wassertropfen dem anderen – eine öffentliche Hinrichtung ohnegleichen. Und fast immer erweist sie sich als Justizmord.

Zur Erklärung muß wohl oder übel die Annahme gemacht werden, daß alternde Groß-Genies, die ja grundsätzlich hohe Grade der Megalomanie erreichen, zu solcher Selbst-Mythologisierung tendieren. Allerdings werden die Herren, die sich der geschilderten Technik bedienen, in nahezu allen Fällen, so recht zauberlehrlingsmäßig, viel weiter geführt, als sie eigentlich gedachten; oft ganz woanders hin, ja, meist sogar im Kreise herum: fällt ihnen doch immer noch ein genialerwiderlicheres Beiwort für ihren „Ahriman“, eine noch schmeichelhaftere Abbildungsmöglichkeit für sich selbst, Ormuzd, ein. Nicht Mystik, sondern Mystifikation heißt die Losung im Großen Haßgesang!