Von Barbara Bondy

Die Arbeit des Rezensenten ist zumeist eine melancholische: hofft er doch immer auf das Große, Bedeutende, Bleibende, das anzuzeigen wäre; jedoch was er anzuzeigen hat, ist meist das durchaus Nicht-Große, das Unbedeutende, das Transitorische. Er ist der ewige Notierer des Vergänglichen. In dieses Schicksal ergeben, darf er auch einmal um so eindringlicher von seinem Glück, dem Glück des Rezensenten reden: das Unvergängliche anzuzeigen –

Johann Caspar Goethe, Cornelia Goethe, Catharina Elisabeth Goethe: „Briefe aus dem Elternhaus“, 25. (Ergänzungs-)Band der Gedenkausgabe: Johann Wolf gang Goethe – „Werke, Briefe und Gespräche“, mit drei Einführungen von Ernst Beutler; Artemis Verlag, Zürich; 1025 S., 51,– DM.

Diese vollständige Ausgabe der Briefe von Vater, Mutter und Schwester darf als ein Geschenk von unschätzbarem Wert begrüßt werden – einer Generation dargeboten, die möglicherweise dafür nichts als Museen und Archive übrig hat. Die bezaubernd humane Lebensfülle, die geadelte Bürgerlichkeit dieser Briefe, die Haus und Herkunft des Genius erleuchten, dessen, der einmal und zum vorläufig letzten Mal alle Möglichkeiten des Menschen emporriß zu unbegreiflicher Höhe – was wird dies alles den Heutigen bedeuten? Die Frage drängt sich auf, aber sie ist ohne Belang. Wert und Würde des Geschenks werden davon nicht berührt. Wir verdanken es mittelbar Ernst Beutler, dessen Tod wir in diesen Tagen betrauern.

Seine drei Biographien, den Briefen vorangestellt, sind Meister- und Musterbeispiele dafür, wie wissenschaftliche – zum Teil neue – Forschungsergebnisse, dichterische Darstellung und liebende Einfühlung hinreißend verbunden werden können.

Da schreibt Beutler (Wesentliches erschließt sich zuweilen am besten aus dem Detail) über Johann Caspar, der als halbwüchsiger Frankfurter Wirtssohn Schüler des berühmten Coburger Casimirianums war, bei einem dortigen Professor wohnte und aß: dieses habe ihm die Mahlzeiten im Convikt erspart, die nicht viel getaugt hätten, wenn auch die Buben mittags und abends je einen Liter Bier bekamen. „Trotzdem“, schreibt Beutler, „Bier hin, Bier her, wir freuen uns noch heute, daß Johann Caspar bei seinem Patronus sicher besser aufgehoben war.“

Hier ist, gleichsam am Rande, auch die Formel gefunden, die den Biographen bewegte und den Leser mit ihm: „Wir freuen uns noch heute ...“