In der Großwirtschaft – so, hieß er beim Parteitag der SPD – seien seit der Währungsreform „riesige Vermögen“ neu entstanden, und zwar automatisch für die „alten Eigentümer“, also die Kapitalisten. Sozialisieren will die reformierte SPD zwar nicht mehr; aber sie meint, 20 Prozent vom Vermögenszuwachs solle die Großwirtschaft abgeben. „Großwirtschaft“ – darunter versteht Deist, der Wirtschaftsexperte der SPD, alle Aktiengesellschaften, die mehr als 1 Million im Jahr verdienen. Die 20 Prozent sollen dann in einen großen vom Staat verwalteten Topf kommen. Das klingt plausibel, nicht wahr? Es träfe nur 1200 von 16 000 Aktiengesellschaften in der Bundesrepublik, meint die von diesem Plan begeisterte „Welt“ (deren Verlag zwar sehr viel mehr als eine Million verdient, aber eben keine Aktiengesellschaft ist).

Aber wie? Da haben neulich viele hunderttausend kleine Leute Preussag-Aktien gekauft. Der Staat hat sie ihnen zu bevorzugten Kursen gegeben, damit das, industrielle Eigentum auch wirklich unter das Volk komme. Die Preussag verdient mehr als 1 Million im Jahr. Muß sie auch 20 Prozent vom Vermögenszuwachs seit der Währungsreform abgeben – zu Lasten der Kleinaktionäre? Denn Großaktionäre gibt es da nicht! Und das Volkswagenwerk? Sollen deren Aktien erst zu niedrigem Preis unter die kleinen Leute verteilt werden, damit dann 20 Prozent zu Lasten eben dieser kleinen Leute in einem Riesen-Staats-Trust verschwinden? Möglich, daß Herr Deist sagt: „Wozu kaufen auch die kleinen Leute Aktien? Sollen sie eben büßen, daß sie der Regierung vertraut haben!“ Oder will Deist da Ausnahmen machen?

Aber da gibt es noch andere Aktiengesellschaften, etwa der chemischen Industrie. Die Aktien von Bayer-Leverkusen kosten heute 775 D-Mark. Bei der Währungsreform waren sie fast unverkäuflich. Her mit den 20 Prozent und hinein damit in den großen Staatstopf! Aber schon 1950, als die Alliierten noch voller Mißtrauen gegen die deutsche Industrie, auch gegen Bayer-Leverkusen und deren großindustrielle Hintermänner, vorgehen wollten, meldeten sich 30 000 Kleinaktionäre. Heute sind es fast 200 000, die oft nur eine oder zwei Aktien besitzen. Von anderen Firmen, zum Beispiel der DEA in Hamburg (sie besitzt Bergwerke und Ölquellen in Deutschland und dem Nahen Osten), weiß man, daß sie ihre Aktien am liebsten und mit Erfolg an ihre Angestellten verkauft, die auf diese Weise am Erfolg des Unternehmens interessiert sind. Sind das alles Spekulanten?

Ich habe eine Wirtschafterin; früher hieß sie „Haustochter“. Aber seitdem sie neben Kost und Logis 4000 DM netto im Jahr bekommt, ist auch der Titel gewachsen. Sie spart kräftig und kauft sich seit einigen JahrenINVESTA-Anteile; sie hat jetzt (nach dem letzten Split) 123 Stück; VW-Aktien will sie auch kaufen. Ich habe ihr Deist’s Plan zu lesen gegeben – und sie weiß, daß große Aktiengesellschaften im „Fonds-Vermögen“ ihrer, Gesellschaft sind. Erschrockener Ausruf: „Müssen die auch 20 Prozent abgeben?“ „Frag’ Herrn Deist“, habe ich ihr gesagt. „Der soll die Finger von meinen Aktien lassen, sonst...“ (es folgte ein sehr herzlicher Wunsch). Möchte Herr .Deist ihre Adresse haben?

Moral (der SPD): Aktien gehören nicht in die Hand kleiner Leute – dann kann man sie nämlich nicht mehr bevormunden. G. B.