Wäre Buch gleich Buch, Kritiker gleich Kritiker, stünden Buch und Kritiker einander auf die immer selbe Weise gegenüber, dann konnte man vielleicht einen Idealtyp, oder doch einen wünschenswerten Typ, der Kritik postulieren. Aber nicht nur ist jedes Buch von jedem ändern Buch, jeder Kritiker von jedem ändern Kritiker wesensmäßig unterschieden, sondern auch das Spannungsverhältnis zwischen Buch und Kritiker ist jeweils ein anderes. Daraus ergeben sich unzählbare Spielarten der Kritik, von denen keine den anderen von vornherein vorzuziehen ist. Mit anderen Worten: wohl kann man, das Ergebnis vor Augen, feststellen, ob, was sich als Kritik ausgibt, wirklich Kritik ist, nicht aber dekretieren, nach diesem oder jenem Rezept müsse Kritik entstehen. Ereilich gibt es Voraussetzungen. Guter Wille allein nützt gar nichts, wer sich nicht auszudrücken vermag, nicht zu formulieren weiß, weder Unterscheidungs- noch Urteilsvermögen besitzt, wem es an Wissen und Sachkenntnis mangelt, wer Kritik mit einer Fleißaufgabe verwechselt, der wird zwar zustandebringen, was von jeher als "Besprechung" die Spalten unserer Literaturblätter und Zeitschriften füllt, was diese so unwiderstehlich langweilig und eben darum überflüssig macht — aber zum Kritiker taugt er nicht. So steht hinter der Frage nach der Kritik die Frage nach dem Kritiker. Zu diesem Beruf wird niemand gedrängt oder gepreßt, aber wer ihn ausübt, sollte anerkennen, daß seine Ansprüche die strengsten, daß sie moralische sind. Sie sind unbequem. Sie erfordern höchste Unabhängigkeit, oder Schweigen. Die Sache, die der Kritiker vertritt, die Aufgabe, die er sich gestellt hat, haben ihn zu leiten, nichts sonst. In dem Augenblick, in dem er Kritik übt, gibt es dieses eine Buch und ihn, den Kritiker. Keine Vorurteile, keine Sympathien und Antipathien, nicht Freundschaft und Feindschaft, nicht Liebe und Haß, nur Herausforderung und Antwort. In diesem "Augenblick der Wahrheit" gilt nicht, wer das Buch geschrieben hat, noch wer es verlegt hat, es gilt weder Gruppe noch Schule, weder politische Bindung noch religiöse. Von all dem darf das Urteil nicht abhängen, aber wenn es einmal gefällt ist, dann mag manches davon in die Darstellung einbezogen werden, Farbe geben.

Wem unmöglich erscheint, daß kläglich versagen kann, wen er bewundert, Bedeutendes erreichen kann, wen er verachtet, wer nicht vermag, seine Freunde zu tadeln und seine Feinde zu loben, wer sich nicht überraschen lassen mag und alles, oder auch nur das Entscheidende, schon vorher weiß, der taugt nicht. Wer nicht schreibt, als seien er und sein Gegenstand allein auf der Welt, und nach rechts oder links schielt, der verfehlt sein Ziel. Wer Konventionen nachgibt, nicht gegen alle anderen sich zu vertrauen fähig ist, für sein Publikum schreibt, verrät seine Sache. Wer nicht rücksichtslos urteilt, als brauche er seinen Artikel nicht zu zeichnen, kneift. Wer alles, was nach Avantgarde aussieht, in den Himmel hebt, macht sich ebenso verdächtig wie der, der immer nur die Alten gegen die Neuen auszuspielen weiß. Wer immer nur lobt, ist nicht besser als der, der immer nur tadelt. Wer nur höflich ist, nie grob, wer nur ernst ist, nie spöttisch, wer nur nüchtern ist, nie leidenschaftlich, wer lau ist, wer feige ist, wer erbärmlich ist, der langweilt. Wer nicht die Antwort gibt, die er, und nur er, auf dieses, und nur dieses, Buch geben muß, und wer sie nicht so gibt, wie diese einmalige Konstellation zwischen ihm und diesem Buch sie fordert, der ist kein Kritiker. Vor allem: wer nicht herausgefordert ist, soll nicht antworten iEs muß sich nicht jeder zu jedem Buch äußern. In der Kritik gibt es keine Routinearbeit.

Es ist keinem Kritiker zu verübeln, wenn er in Harnisch gerät oder in Feuer. Beides kann unterhaltsam, kann sogar erforderlich sein. Dennoch wird uns der am meisten überzeugen, und zwar nicht so sehr um seiner Noblesse als urn seiner Geistesgegenwart willen, der nie das Gefühl für Proportionen verliert. Konkret: Wer Hektor besiegt hat, braucht seinen Leichnam nicht durch den Staub zu zerren. Wer die Zugspitze erblickt, sollte sie nicht für den Mount Everest ausgeben. Wer die Amazonasmündung entdeckt, sollte sich nicht auf dem Wege nach Indien wähnen. Wer den grauen Star hat, sollte den Tag nicht der Dunkelheit zeihen.