Von Ludwig Marcuse

Vor wenigen Jahren bat mich ein Verlag, eine Kulturgeschichte der letzten fünfzig Jahre zu schreiben – nach der Methode (nicht im Sinn) Egon Friedells. Ihn zeichnete aus, daß er nicht die Abstraktionen, welche für Renaissance, Reformation, Aufklärung geprägt und im Schwange waren, um einige noch dünnere bereicherte; sondern daß er dem mit „Ideen“ vollgestopften Leser Anschauungen vermittelte, illustrierendes Material, welches den bleich gewordenen Kategorien Blut zuführte: Briefstellen, Tagebuchnotizen, Statistiken, Zeitungsexzerpte, Zitate aus Büchern, die nicht im Büchmann stehen – kurz, daß er die Fülle gab, aus der die herrschenden Begriffe gefiltert waren.

Als ich mich umsah, fand ich, daß für unser Jahrhundert kaum Vorarbeit geleistet ist. Es gibt viele zusammenfassende „Sachbücher“ über „Sichgebiete“. Es gibt kaum Materialienbücher, deren Derivative jene erst sind. Es gibt kaum, was dringender nötig wäre, Sammlungen jenes Ursprünglichen, das völlig unbekannt ist hinter den vielen Resümees, Interpretationen, theoretischen Konstruktionen. Zu viele Kulturdiagnostiker beginnen mit einer Diagnose, die nur basiert ist auf dem, was tout le monde sagt: und das ist niedergelegt in der Quatschologie der Zeit (Verlust der Mitte, Entfremdung, Verfremdung, beschädigtes Leben ad infinitum). Die Fülle der primären Erfahrungen ist auf Flaschen gefüllt.

Diese Klage ist der Ursprung meines Vergnügens an dem Buch von

Jürgen Rühle: „Literatur Und Revolution“; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 611 S., 28,– DM.

Lange bevor sich mir die Frage aufdrängte: Wie hält’s der Rühle mit der Religion? Ist er „progressiv“ oder „reaktionär“? – war ich angezogen von der Energie, mit welcher hier in drei umfangreichen Kapiteln für das Thema „Die Schriftsteller und der Kommunismus“ gesammelt worden ist. Den ersten Teil könnte man nennen: von Majakowski bis zum „Tauwetter“; den zweiten: vom Expressionismus bis zu Ernst Blochs Utopie-Reisen zu den westlichen Heiden; den dritten: von den Fabiern Shaw und Wells bis zum „Abfall vom roten Gott“ (diese Wendung ist nicht charakteristisch für das Buch).

Es ist überhaupt nicht auf eine These gestellt. Es scheint mir nicht immer sehr kritisch zu sein; doch ist das nicht wichtig, bedenkt man die Funktion, die es hervorragend erfüllt: als hervorragendes Materialbuch. Es gibt dem Leser einen Reichtum an Inhaltsangaben, Zergliederungen, biographischen Mitteilungen aus erster und zweiter Hand, charakteristischen Zitaten – auch aus literarischen Quellen, die nur schwer zugänglich sind. Es gibt dem Leser die Möglichkeit, im Kampf der Parolen etwas selbständiger zu denken. Es ist ein gefährliches Buch, streitbaren Simplifikateuren gefährlich. Es ist ein Handbuch für Gewissenhafte, die, bevor sie eine Behauptung wagen, wissen wollen, wovon sie reden. Es ist noch für Kenner eine Fundgrube.

Es ist selbstverständlich ein Fragment. Ich dachte oft: bitte mehr! Auf Seite 173 wird erwähnt, daß Heinrich Mann und Arnold Zweig 1930 „gegen den Terror in der Sowjetunion“ protestierten. Bitte Dokumente! Bitte, einen ganzen Band Dokumente! Der Autor hat viel Arbeit vor sich: er muß diese Geschichte noch reicher machen; und andere werden hoffentlich weiterbauen, wo er begonnen hat.

Denn es ist dieses wichtige Kapitel „Literatur und Revolution“ (im zwanzigsten Jahrhundert) nur ein Teil eines der wichtigsten Bücher., die noch nicht geschrieben sind: „Literatur und Politik im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert“. Auf daß wir uns verstehen lernen! Auf daß wir gründlich begreifen, was sich seit Benjamin Constants Prägung „l’art pour l’art“ und Sainte-Beuves Prägung „tour d’ivoire“ (eine Generation später) mit dem Schriftsteller ereignet hat. Denn dieses Gezerre an den Phrasen Aktivismus kontra Elfenbeinturm, Engagement kontra Disengagement ist doch öde, nichts als Babynahrung. Jürgen Rühle hat begonnen, die Voraussetzung zu schaffen für eine sinnvolle Diskussion.

Es macht nichts, daß die Berichte über die Manns und Feuchtwanger, Niekisch, Kisch und Renn, die Seghers und Lukács, Brecht und Zweig, Becher und Kuba und Hermlin und Bronnen und Wievier recht ungleich sind; auch bisweilen – nur Skizzen, bisweilen detailliert ausgemalt. Entscheidend ist: in den meisten Fällen sind sie nicht eine Zusammenstellung des Üblichen, sondern des Erlebten und Entdeckten. Hier wählte nicht irgendein Autor irgendein Thema. Autor und Thema gehören zusammen.

Es ist kein polemisches Werk; das ist nur günstig für ein Materialbuch. Doch ist Rühle nicht ohne Standpunkt. Er gehört (wenn ich es in dieser Abkürzung sagen darf) zu den westlichen Anhängern der östlichen Nicht-Funktionärs-Literatur und ihrer Autoren. Doch auch dies nicht ohne Unbefangenheit, im Gegensatz zu vielen westlichen östlern. Er hat weniger Tabus als sie. Er findet die Anziehung der Sowjetunion auf westliche Schriftsteller unter anderem auch in der „außerordentlichen Hochachtung“, die den „Antifaschisten und Realisten von den Kommunisten bezeigt wurde, ausgedrückt in Ehrungen, Staatspreisen, lobenden Kritiken und Massenauflagen“. Er bezweifelt, daß Ernst Bloch „im Innersten seines Herzens“ an den „Himmel auf Erden“ glaubt – obwohl der kindlichste Rühle ihn dann doch schließlich mit Sokrates vergleicht, weil der Leipziger wie der Athener wegen „Verführung der Jugend“ angeklagt wurde. Wobei Rühle entgeht, daß die Leipziger ihrem Nobelpreisträger eben doch nicht den Schierlingsbecher verabreichten (wofür wir alten Blochianer unendlich dankbar sind), daß sie vielmehr ihren „Märtyrer“ auf Missionsreisen in den unerlösten Westen gehen lassen oder schicken (was wohl dasselbe ist).

Wenn es so etwas gäbe, würde ich Rühle halbkritisch nennen. Verehrung hindert ihn bisweilen (zum Beispiel im Falle Thomas Manns, auch Brechts), zu einem saftigen Zitat auch noch den entsprechenden Kommentar zu liefern; aber Verehrung ist eine Eigenschaft, die man verehren soll, auch wenn sie bisweilen nicht gerade aufklärend wirkt. Und dann gefällt mir eben doch nicht, daß von Zeit zu Zeit mit zweierlei Maß gemessen wird: daß der arme Kuba eben auch noch abbekommt, was Rühle in punkto Brecht heruntergeschluckt hat: als wohlschmeckendes Dragee, mit dem Firmennamen „Tragik“.

Obwohl ich für Arnold Zweig nicht die geringste Sympathie habe – mir gefällt nicht, daß Rühle gerade ihm vor allem vorwirft, was allen diesen Bloch und Brecht und Seghers vorzuwerfen ist: „Er entrüstet sich über die Aufstellung der Bundeswehr, und dabei entging ihm die Militarisierung im Osten, die sich Jahre früher vollzog“.

Es tat diesem Materialbuch gut, daß der Autor kein Parteigänger ist. Ich weiß nicht, ob er einmal Kommunist war. Jedenfalls hat er keinen Schaden genommen an seiner Seele. Er nutzt seine Vergangenheit, um Kenntnisse zu verbreiten.

Es ist gut, zu kämpfen. Es ist auch gut, von Zeit zu Zeit in den Elfenbeinturm zu gehen und zu lernen; denn ohne Wissen ist Kämpfen eine Stupidität. Und an der Front gibt es keine Bibliotheken. Rühle hat sie um ein nützliches Buch bereichert.