London, im November

Der Führer der britischen Labour-Opposition, Hugh Gaitskell, hat dieser Tage gefordert, die Regierung möge eine Untersuchung einleiten, die die zunehmende Konzentration im Zeitungsbesitz überprüft. Jedem in England war klar, auf wen diese Forderung vor allem zielte. Auf niemanden anders nämlich als auf jenen fröhlichen und zugleich so rätselhaften Mann, der zur beherrschenden Figur im britischen Zeitungswesen geworden ist: Roy Thomson, den kanadischen Millionär.

Thomson gehören mehr als 60 Zeitungen in Kanada und Großbritannien, darunter die große Kemsley-Kette von Lokalzeitungen, die er im August des vergangenen Jahres zusammen mit der Londoner „Sunday Times“ kaufte. Er kontrolliert darüber hinaus viele kanadische Rundfunkstationen und das gesamte Werbefernsehen in Schottland. Ihm gehört Edinburghs Morgenzeitung, und er hat gerade einige kleinere Zeitungen in Nigeria gekauft. Alles, was ihm jetzt noch fehlt, ist die Kontrolle über eines der fünf Londoner Massenblätter, deren Auflagen in die Millionen gehen und die in jedem Dorf auf den britischen Inseln verkauft werden.

In einem Lande, dessen Zeitungen so riesige Auflagen erreichen, sind die Pressekönige in der Öffentlichkeit natürlich gut bekannt. Mit Roy Thomson aber tauchte ein ganz neuer Typ auf, und die Engländer wissen noch nicht so recht, ob sie ihn fürchten oder ob sie über ihn lachen sollen. Die bisher bekannten Herrscher über Fleet Street, Londons Pressezentrum, waren häufig exzentrische Monomane mit schier unbegrenztem persönlichem Ehrgeiz: Lord Northcliffe starb, als er in einem Tobsuchtsanfall versuchte, seinen Arzt zu erschießen, von dem er glaubte, er sei allein durch die Gunst seines Feindes Lloyd George geadelt worden. Lord Beaverbrook, übrigens auch ein Kanadier, hat mehr als 50 Jahre seines Lebens auf den Versuch verwandt, politische Macht zu gewinnen. Er hat einmal der Königlichen Pressekommission erklärt, daß er seine Zeitungen nur zu dem Zweck unterhalte, für ihn und seine Ansichten, Propaganda zu machen.

Bei Roy Thomson ist das alles ganz anders. Mit unschuldigem Gesicht und in aller Offenheit erklärt er, daß er nichts anderes als Geld will – immer mehr Geld. Wenn man dann fragt, was er mit all dem Geld kaufen will, Macht vielleicht oder den Frieden oder unsterblichen Ruhm – dann macht er ein verwirrtes Gesicht.

Vielleicht ist Thomson langweiliger als seine großen Vorgänger in der Fleetstreet, aber er ist gewiß auch sehr viel weniger arrogant. Er wirkt wie ein gütiger Onkel. In Gesellschaft blickt er wohlwollend durch seine dicken Brillengläser und macht es sich zur Regel, jedermann – ob groß oder klein, ob Freund oder Fremder – mit dem Vornamen anzureden. Im allgemeinen ist er in finanzieller Hinsicht kein sehr großzügiger Arbeitgeber, aber er zögert nicht, jeden Mitarbeiter fürstlich zu belohnen, der irgendeinen neuen gewinnbringenden Kniff ersonnen hat. Bei solchen Gelegenheiten pflegt er mit strahlendem Gesicht und kanadischem Akzent zu sagen: „Sie haben mir einen Dollar eingebracht – ich bringe Ihnen einen Dollar ein!“

Der neue Pressekönig ist besonders stolz auf seine Begabung, Geld zu verdienen. Und in London kolportiert man jene Bemerkung, die er einst machte: „Ich lese Zeitungen nie, bevor ich sie kaufe – ich interessiere mich nur für ihre Bilanzen.“ Es ist verständlich, daß diese Art von Humor die englischen Journalisten mehr erschreckt als amüsiert.