Am Ende des sozialdemokratischen Parteitages erklärte einer der Delegierten: „Jetzt ist die SPD eine neue Partei.“ Der dies sagte, war nicht ein unbekannter kleiner Distriktsfunktionär, dem in Hannover zum erstenmal die Luft der großen politischen Welt um die Nase wehte, sondern ein Wissenschaftler von hohem Rang. Und er bestätigt damit die Warnung des CDU-Bundestagspräsidenten Gerstenmaier, der seinen Parteifreunden kürzlich riet, die Wandlung der SPD nicht als bloßen wahltaktischen Schachzug abzutun.

In der Tat: Wer den Parteitag von Hannover nur im Blick auf die Bundestagswahl sieht, wird ihm nicht gerecht. Als wahltaktisches Manöver war er vielleicht sogar ein Mißerfolg für die SPD. Tappte nicht Ollenhauer, als er mit seiner bedingungslosen Ablehnung der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr dem gemütschweren pazifistischen Unterstrom in der Partei neue Bahn brach, mit ehrlicher Unbefangenheit geradewegs in die Falle, die der Bundeskanzler für die SPD aufgebaut hatte. Und bedurfte es nicht der äußersten Anstrengung Erlers, Wehners und Brandts, um diese Flut wieder zu kanalisieren?

Dieselben Delegierten, die Ollenhauer mit wahren Ovationen gefeiert hatten, stimmten mit großer Mehrheit einer Resolution zu, in der zwar gesagt wird, die Bundesrepublik solle sich nicht nach Atomwaffen drängen, aber die Möglichkeit einer künftigen atomaren Bewaffnung der Bundeswehr nicht ausgeschlossen wird. Was gilt nun?

„Ovationen sind Gemütsbewegungen und keine Argumente“, rief Carlo Schmid den Delegierten zu. „Was auf dem Parteitag gilt, sind die Beschlüsse.“ Freilich, jener Diskussion, die den Beschlüssen vorausging – ein Musterbeispiel demokratischen Verhaltens innerparteilicher Art –, zeigte doch, daß viele Delegierten in der Frage der Atombewaffnung dem Parteivorstand nur mit Vorbehalten zu folgen vermochten.

Daß aber ein solcher Beschluß überhaupt durchgesetzt werden konnte, läßt sich nicht allein. aus wahltaktischen Überlegungen erklären. Der Parteitag war nicht nur eine Heerschau vor den Augen des neuen Kanzlerkandidaten, er war eine vielleicht entscheidende Etappe in der fast hundertjährigen Parteigeschichte – in einer Entwicklung, die in Weimar einen entscheidenden Anstoß erhielt, als die Sozialdemokraten nach der Niederlage von 1918 die Regierungsverantwortung übernahmen. Sie hatten damals Dringlicheres zu tun, als die Revolution des Proletariats zu installieren, die sie in der Theorie noch wollten.

Der Widerspruch allerdings zwischen revolutionärer, utopischer Theorie und staatserhaltender Praxis wurde in Weimar nie zu Ende diskutiert; und nach 1945 knüpfte die SPD dort wieder an. jene Diskussion hat manche Umwege genommen, weil sie in einer in Ost und West geteilten Welt und nicht zuletzt, weil sie in Opposition zu Konrad Adenauer geführt werden, mußte, der noch jedesmal die Schwächen der Partei mitleidlos aufdeckte. Marxismus, Pazifismus, Neutralismus hoben wieder ihr Haupt: Da waren Gewerkschaftsfunktionäre, die an der Sozialisierung bedingungslos festhielten (und es heute noch tun); da wurde jene Anti-Atomkampagne inszeniert, die die Massen auf die Straßen trieb; da wurde im Schöße des Parteivorstandes jener Deutschlandplan geboren, dessen Konsequenzen selbst manche Genossen erschreckte. Das Gespenst einer Radikalisierung der Partei ging um.

Schließlich aber hat die SPD erkennen müssen, daß sie auf diesem Weg nie auf die Regierungsbänke in Bonn gelangen würde. Die Wahlniederlagen waren die Quittung dafür, daß sie jahrelang Illusionen nachgejagt war. Die soziale Umwelt und die außenpolitische Situation waren anders, als es das Parteiprogramm vorsah. Es begann die Umkehr, die über den Parteitag in Godesberg, Wehners außenpolitische Rede im Bundestag konsequent zum Parteitag in Hannover führte.