Nüchtern? Farbig? Ein Lump, auch hier, wer mehr gibt, als er hat. Es gibt kritische Pfauen und kritische Raben. Meinetwegen rot und grün und gelb und blau, meinetwegen schwarz und weiß, meinetwegen, wenns denn sein muß, grau in grau. Warum soll ein „farbiges“ Temperament keine Gründe haben? Gibt es Unbestechlichkeit nur in Sack und Asche? Nüchtern oder farbig, das ist kein Scheideweg, sondern eine Fangfrage.

Persönlich? Sachlich? Eine doppelsinnige Unterscheidung, denn sie kann sich auf das Subjekt, aber auch auf das Objekt der Kritik beziehen. In beiden Fällen ist sie nichts nütze. Der Kritiker schreibt über eine Sache, aber hinter dem, was er schreibt, steht seine Person, und mit ihr muß er bezahlen und einstehen. Die erkenntnistheoretische Tretmühle, in der das Objektive und das Subjektive hintereinander hergaloppieren, ist ausgeleiert; wer sich zu ihrem Gefangenen macht, ist selber schuld. Ebensowenig leistet die Alternative, wenn man sie auf den Gegenstand der Kritik bezieht. Soll sie sich mit dem Autor, soll sie sich mit dem Buch befassen? Bange Frage, unauflöslich, solange Bücher Verfasser haben und Verfasser Bücher.

Ich schlage vor, einer andern Alternative die Ehre zu geben, die leider in der deutschen Tradition nicht eben tief verwurzelt ist: Ist Kritik ein öffentliches oder ist sie ein privates Geschäft? Hier ist ein Prüfstein für Kunstrichter und Redakteure. Hat der Kritiker einen guten Schlaf? Trinkt der Autor seinen Kaffee im Bett? Die Öffentlichkeit geht das einen feuchten Staub an. Aber: Ist der Kritiker Antisemit? Verramscht der Autor seinen Ruhm in Reklameanzeigen? Das sind keine Privatsachen mehr. Beide Sphären, die öffentliche sowie die private, haben ihre Würde; beide nehmen Schaden, wenn die Grenze zwischen ihnen nicht respektiert wird. Kritiker, die auf Schadenfreude und Idolatrie, Niedertracht und Klatschsucht spekulieren, mögen Illustrierten und Gossip-Columns bedienen. Private Anbetung, als Literaturkritik veröffentlicht, wird zum Starkult (Mein Dichterfürst Carl Zuckmayer); private Gehässigkeit, veröffentlicht als Literaturkritik, zur Infamie (Mein Feind Alfred Andersch).