Es scheint mir recht zweifelhaft, ob mit den drei von Leonhardt erwogenen Möglichkeiten der Literaturkritik tatsächlich drei verschiedene Methoden der Auseinandersetzung mit Werken der Literatur gekennzeichnet sind. Die „nüchtern sachliche“ Buchbesprechung, also die „von allen Gefühlen freie Betrachtung“ des Textes, würde bei konsequenter Anwendung der Methode – so meint Leonhardt – kaum jemand lesen, „selbst wenn es jemanden gäbe, der sie schreiben könnte“. Diese „nüchtern-sachliche“ Kritik gibt es somit praktisch überhaupt nicht. Wozu sollen wir uns mit Möglichkeiten der Kritik befassen, die nicht existieren?

Die zweite Methode, die „farbig sachliche“, wird – nach Leonhardt – durch Charakterisierungen gekennzeichnet, die „keineswegs nüchtern sachlich“ sind. Warum Bezeichnungen wie „banal“ oder „mißlungen“ (die man freilich in einer Kritik begründen muß) nicht „nüchtern sachlich“ sind, will mir nicht recht einleuchten. Hauptvorzug der Methode sei die Verbindung des Sachlichen mit dem Nützlichen und dem Üblichen. Sollen das verschiedene oder gar gegensätzliche Elemente der Literaturkritik sein, die erst miteinander verbunden werden müssen? Ich glaube, daß in jeder Kritik das Sachliche immer das Nützliche und das Nützliche immer das Sachliche ist.

Bei der dritten, der „farbig-persönlichen“ Methode, verzichtet der Rezensent darauf, „das Werk von seinem Autor (und seinem Beurteiler) ganz loszulösen“. Dadurch werde – meint Leonhardt – „der Zusammenhang zwischen Leben und Literatur bestehen gelassen“. Eine „Loslösung“ des Werkes vom Beurteiler ist unvorstellbar. Ich habe noch nie von einem Rezensenten gehört, der verheimlicht hätte, daß seine Kritik die Äußerung seiner persönlichen Meinung ist. Ob sich der Rezensent in der Beurteilung des Wortes „ich“ bedient oder des unpersönlichen „man“, ist lediglich eine stilistische Frage.

Wesentlicher scheint mir das Problem der „Loslösung“ des Werkes vom Autor zu sein. Ich bin Anhänger einer Kritik, die in dem literarischen Werk den künstlerischen Ausdruck der Epoche sucht, in der es entstanden ist. Somit glaube ich, daß es Pflicht des Kritikers ist, den geistesgeschichtlichen, kulturhistorischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen nachzugehen, also eben jenem „Zusammenhang zwischen Leben und Literatur“, von dem Leonhardt spricht. Er scheint aber der Ansicht zu sein, der Kritiker müsse, um diesen Zusammenhang zu betonen, persönliche Elemente aus dem Leben des Autors oder gar aus dem eigenen Leben berücksichtigen. Liegt hier nicht ein prinzipielles Mißverständnis vor? So wenig überzeugend mir also die Nomenklatur Leonhardts zu sein scheint, so sicher bin ich, daß er einen sehr wichtigen Fragenkomplex der Literaturkritik angeschnitten hat. Dies wird besonders deutlich, wenn man die von ihm genannten „Buchbesprechungen“ liest, die die Diskussion hervorgerufen haben.

In Petra Kipphoffs Artikel über Zuckmayer wird die Reportage über einen Besuch im Haus des Dichters mit einem Interview und einer Kurzbiographie kombiniert. Ein schöner und nützlicher Aufsatz, der aber nichts mit der Literaturkritik gemeinsam hat.

Leonhardts Artikel über das Buch von Kroneberg ist wiederum – wie übrigens aus Titel und Untertitel ersichtlich – eine typische Buchreportage. Ein aufschlußreicher und anregender Artikel, der aber mit der Literaturkritik nur wenig gemeinsam hat (und vermutlich auch haben soll), weil die Frage, warum Leonhardt das Buch „für den interessantesten Roman des Jahres 1960“ hält, im Grunde nicht beantwortet wird. Die Popularisierung der Literatur ist eine wichtige journalistische Aufgabe, die jedoch nie die Kritik ersetzen kann.

Hingegen enthält der Artikel von Robert Neumann über die „Rote“ von Andersch zweifellos eine literarkritische Auseinandersetzung, die teilweise virtuos geschrieben ist. Aber Neumann glaubt, seine Argumente, die der Analyse des Buches entstammen, mit Beobachtungen stützen zu müssen, die er persönlichen Begegnungen mit Andersch verdankt. Er spricht von „Minderwertigkeitskomplexen“, dem „fressenden Ehrgeiz“ und der „absurden Eitelkeit“ von Andersch und bezeichnet ihn als einen „aufs aggressivste mimosenhaften Mann“.