Von Ruth Herrmann

Wann ist ein Kinderbuch gut: Wenn Kinder es lieben? Wenn Erzieher es schätzen? Oder wenn Psychologen finden, daß des Autors oder Illustrators (oder beider) Intuition sich in das Psycho-Labyrinth von Kindern hineinfindet?

Ein Kinderbuch kann sehr gut sein, wenn sich alle drei Fragen bejahen lassen. Daß es damit auch ein Erfolg wird, ist nicht gesagt. Denn Herrn Webers Tochter ist anders als Tante Elsbeths Neffe – und dahin vorzudringen, wo etwas allen Kindern Gemeinsames angesprochen wird, ist das Glück weniger Bücher; die gehören dann zur „Kinder-Weltliteratur“.

Um Kinder in ihrer eigenen Welt zu packen, bedienen sich Autoren und Illustratoren immer häufiger der List, wie Kinder zu schreiben, zu malen, zu zeichnen. Ich gab einer Sechsjährigen die „Geschichte vom Käuzchen“ von Rainer Zimnik und Hanne Axmann. Mein kleines Mädchen nahm das Buch (blickte vergleichend auf das größere, das seine dreijährige Schwester bekommen hatte), schlug es auf und fragte: „Das hat wohl ein Kind gemalt?“ Die Malerei im „Käuzchen“ ist synthetisch, perfekt naiv. Das gefiel der Sechsjährigen beim weiteren Ansehen sehr – ich hatte versichert, daß nicht ein Kind es gemalt hätte –, und während ich die Geschichte vom Käuzchen vorlas, wurde sie zusehends glücklicher über das Buch.

Die dreijährige Schwester lag auf dem Fußboden und betrachtete den – sehr großen, sehr bunten – neunten Band von Babar dem Elefanten –

Laurent de Brunhoff: „Babar auf der Vogelinsel“; Otto Maier Verlag, Ravensburg; 40 S., 9,80 DM.

Babar ist ein menschlich verkleideter, mit menschlichen Eigenschaften fabelhaft ausgestatteter Elefant. Menschen – Erwachsene und Kinder – erleben gemeinsam mit Elefanten (Erwachsenen und Kindern) herzlich undramatische Dinge. Diese meist trivialen Bandwurmgeschichten – „annähernd dreieinhalb Millionen Kinder sind inzwischen Babars Freunde geworden“ – werden auch über den zehnten Band noch hinauswachsen. Dem sind natürliche Grenzen kaum gesetzt: Laurent de Brunhoff ist bereits der Sohn, der die rentable Elefantenfabrik seines 1936 verstorbenen Vaters Jean fortsetzt. Falls Generationen von Bilderbuch-Kindern nachwachsen, die auf comic strips und Disney-Karikaturen vorbereitet werden sollen, ist das Ende der Elefanten gar nicht abzusehen. Die Bilder sind nicht gar so schlecht, in Grenzen kultiviert – jedoch würde ich nicht, wie der Verlag, dabei „an erstklassige japanische Holzschnitte“ denken. Die „künstlerische Vollkommenheit“, die der Verleger sieht, kann es nicht sein, die den Erfolg zu erklären vermöchte. Vielleicht ist es das Phantastisch-Banale.