Gerhard Ritter blickt auf ein deutsches Verhängnis

Von Paul Sethe

Es ist selten, daß ein deutscher Universitätsprofessor einem Buch das Bekenntnis vorausschickt, er habe es „nicht ohne seelische Erschütterung“ geschrieben. Vielleicht muß man der Generation Gerhard Ritters angehören, wenn man verstehen will, wie er seinem neuesten Buch („Staatskunst und Kriegshandwerk“, Band II, bei Oldenbourg in München) ein solches Vorwort geben konnte.

Millionen und aber Millionen treuer Staatsbürger haben mit Ritter in ihrer Jugend strahlenden Glanz um die deutsche Armee gesehen, wo wir heute tiefe Schatten erblicken. Die meisten Deutschen glaubten einmal, daß die deutsche Armee nicht nur die erste der Welt sei, sondern auch, daß ihre Vorrangstellung im Staate ihren Sinn habe und diesem Glück bringe. In den Anklagen des Auslandes gegen den deutschen Militarismus entdeckten sie nur Neid und Haß als Triebfeder.

Wortführer jenes blinden Stolzes waren weniger die Generale als die deutschen Professoren, und gläubig hing die akademische Jugend an ihren Lippen. Heute ist der Strahlenglanz erloschen. Wenn wir zurückblicken auf die Ereignisse im kaiserlichen Deutschland, dann erfaßt uns wohl ein Frösteln. Ein solcher Wandel kann wohl wirklich nicht vor sich gehen, ohne daß die Menschen innerlich erschüttert werden, an denen er sich vollzieht.

Die Nation hätte das Verhängnis, das der deutsche Militarismus in unserer Vergangenheit bedeutet hat, nach dem Ersten Weltkrieg begreifen müssen. Aber es fällt den Menschen immer schwer, von Vorstellungen Abschied zu nehmen, an die sie ihr Herz gehängt haben. Und die Abwehr gegen haßerfüllte Verzerrung und böswillige Verleumdung beanspruchte jahrzehntelang so viele Kräfte, daß für eine unbefangene Betrachtung der Vergangenheit zu wenig übrigblieb.

In den zwanziger Jahren hatte sich die deutsche Nation gegen Angriffe zu verteidigen, die vom Ausland gegen ihre militärische Führerschicht erhoben wurden, die aber das ganze Volk mittrafen und auch mittreffen sollten: Eine angriffslüsterne, herrschsüchtige und eroberungsgierige Kaste, so hörte man damals, habe das ganze Volk mit ihrem Ungeist erfüllt; seit Jahrhunderten habe dieses Volk Europa immer wieder mit den Schrecken des Krieges überzogen; deshalb müsse es niedergehalten werden. Indem die Professoren die Vergangenheit mit den Methoden ihrer Wissenschaft durchforschten, widerlegten sie die feindliche Anklage. Sie dienten damit zugleich der Nation. Wenn die Welt um 1930 versöhnlicher auf die Deutschen blickte als zur Zeit von Versailles, so durfte auch die deutsche historische Wissenschaft darin eine Folge – ihrer strengen Arbeit sehen.