Von Maria Poelchau

Die Photographie einer ausnehmend hübschen und eleganten Dame auf der Innenseite des Umschlages; ein von zierlichen Blumengirlanden umrahmter Titel, der gefällige Assoziationen weckt – wer und was steckt in dieser liebreizenden Hülle? In der abgebildeten Dame steckt die Verfasserin: Nika Hulton, geborene Prinzessin Jurjewitsch, Tochter eines ehemaligen russischen Staatsrates und Frau des englischen Verlegers Sir Edward Hulton; zwischen den Buchdeckeln ihre Erzählung, die sich auf eigene Jugenderinnerungen stützt, eine Geschichte vom Tod, die in die heitersten Farben getaucht ist –

Nika Hulton: „Natascha an der Seine“, Die Abenteuer meiner russischen Verwandtschaft, aus dem Englischen übertragen von Elly Rychner; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen; 177 S., 10,50 DM.

Vierzig Tage braucht nach orthodoxem Glauben die Seele eines Toten, ehe sie bereit ist, sich von den Lebenden und allen irdischen Dingen zu lösen. Auch Olga Petrowna, die „Hexe“, benötigt diese Zeitspanne nach ihrem leiblichen Tod, bevor sie sich von ihren Verwandten, einer weißrussischen Familie im Pariser Exil, endgültig zurückziehen kann. Bis dahin jedoch beunruhigt die Abgeschiedene das Haus an der Seine mitsamt seinen tierischen Bewohnern – sieben Katzen, genannt die „Damen“, einem Hund und einer Ziege – mit allerlei Zeichen des Unmuts und der Kritik.

So jedenfalls deuten die Hinterbliebenen gewisse Schicksalsschläge, die sie in diesen Tagen treffen. Kein Malheur aber kann die Familienmitglieder an ihrer Beschäftigung hindern, der einzigen, der sie mit Feuereifer nachgehen: zu leben. Sie leben – Verarmung und Schulden und das Chaos ihrer häuslichen Unordnung heroisch mißachtend – mit Inbrunst, und je enger sie mit dem Tod in Berührung kommen, um so hingebungsvoller leben sie. Nicht zuletzt darum ist die zahlreiche Emigrantengemeinde bei jedem Sterbefall freudig bereit, dem Hingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Ihre unverwüstliche Feierlust verwandelt noch die Zeremonien des Todes in Feste der Lebenden. So verwundert es nicht, daß die stets zu erbaulichen Sentenzen aufgelegte Tante Natascha feststellen kann: „Es gibt doch viele Russen auf der Welt, vorwiegend bei Begräbnissen.“ Aber auch weniger wichtige Ereignisse geben Anlaß zu Betrachtungen, an denen eine erstaunliche Vertrautheit mit dem Jenseits auffällt.

Was immer dieser Tante und ihrem Anhang widerfährt (und die Widrigkeiten überwiegen bei weitem) – ihren hochgespannten Seelen erscheint es als Zeichen und Warnung von oben. Solche Frömmigkeit kennt keine Banalitäten, der Alltag stellt sich ihr als ein Gewebe aus höheren Fügungen dar. Da ihr Verhältnis zu Gott aber ebenso abergläubisch wie intim ist, hat die Familie ein höchst kurioses System von Abwehrhandlungen entwickelt, um dem Verhängnis zu entrinnen. Ihre Theologie hat etwas Zigeunerhaftes: Kerzen, Spiegel und schwarze Katzen in besonderer Konstellation gehören dazu wie Totenmessen und der Glaube an Seelenwanderung.

Eine großartig verschlampte Welt tut sich hier vor uns auf, gemischt aus Zärtlichkeit, Zank, Gebeten und genußvoll vergossenen Tränen. Eine Welt, in der das irdische Vergnügen an Wodka, Wein und Fleischpastetchen nur übertroffen wird durch die Lust, Gott nahe zu sein.

Dem seelischen Überdruck ihrer „Verwandtschaft“ hält die Verfasserin mit Humor stand. Sie erzeugt Pathos, das sie sogleich an ihrem Erzählton abprallen läßt. Aus diesem Widerspiel bezieht das Buch seinen Reiz und seine groteske Komik.