Das ganze Buch ist eine sehr ernst zu nehmende Mahnung, die natürlichen Harmonien der Wildnis zu retten, soweit sie noch zu retten sind. So steht es im Vorwort des deutschen Verhaltensforschers Professor Konrad Lorenz zu dem Buch der Amerikanerin

Lois Crisler: „Wir heulten mit den Wölfen“; F. A. Brockhaus Verlag, Wiesbaden; 254 S., 19,50 DM.

Es ist zum Heulen, daß heute auch jene Bücher mit einem Vorwort verziert werden, die keines brauchen, weil sie für sich selbst sprechen – und noch bedauerlicher, wenn das Vorwort am Sinn des Buches vorbeiredet, ihm gar einen anderen Sinn geben will. Professor Lorenz nennt das Buch eine „Predigt“ gegen die „,sportlichen‘ Großwildschießer“. Schüsse auf die Großwildjäger sind heute Mode; sie treffen den deutschen Leser immer mitten ins Gemüt. Doch es geht bei Lois Crisler gar nicht um Großwildjagd, es handelt sich um eine schlichte, ebenso stilvolle wie brillante Naturschilderung, die man das sein lassen sollte, was sie sein will: einfach Naturschilderung.

Walt Disney hatte einen seiner besten Leute, den Kameramann Cris Crisler, in das arktische Alaska geschickt, um dort den Film über die Wanderungen und Herden der rentierartigen Karibus „Weiße Wildnis“ zu drehen. Allein seine Frau begleitete ihn bei dem gefahrvollen, achtzehn Monate währenden Unternehmen. Dann schrieb sie dieses Buch. Nein, nicht „das Buch zum Film“. Es enthält im wesentlichen die Schilderung vom Aufwachsen und Verhalten jener Wölfe, die die Crislers als wilde Jungtiere zu sich ins einsame Lager nahmen und großzogen.

Es hat bisher nur sehr wenige, fragmentarische Berichte über das Leben der Wölfe in der freien Natur gegeben, weil sie ebenso gefährlich werden können, wie sie scheu und unstet sind. Und es hat bisher noch keinen so umfassenden und gutgeschriebenen Bericht über die Seele im Wolfspelz gegeben.

Das Buch ist klar wie die arktische Luft – und läßt manche natürlichen Geschehnisse genauso unwirklich erscheinen. Wer würde etwa daran denken, den Buchtitel wortwörtlich zu nehmen? Doch genauso ist es: Die Crislers lernten es, das Geheul nachzuahmen, um die Reaktion der Tiere zu beobachten, um schließlich sogar von den Wölfen als „Tiere“ gleicher Gattung betrachtet zu werden. Das erst gab die Gelegenheit zu diesen einzigartigen Naturstudien. Ortwin Fink