Von Katharina Hoke

underkinder und junge Genies haben es oft an sich, ihren Freunden den Kummer und ihren Feinden die Genugtuung zu bereiten, daß sie nach einem kometenhaften Aufleuchten ihre Bahn ebenso schnell vollenden, wie sie begann, und völlig im Vergessen verschwinden. Aber Vorsicht, so ist es nicht immer, nicht immer ist ein junger Unbekannter, dessen erster Wurf Aufsehen erregt, so geschwind am Ende. Es kommt auch vor, daß einer hält, was er verspricht, und eben das tut Michel del Castillo in seinem zweiten Buch –

Michel del Castillo: „Die Gitarre“, aus dem Französischen von Harriet Wegener; Hoff mann und Campe Verlag, Hamburg; 168 S., 12,80 DM.

Eins wird schon nach den ersten Seiten klar: daß dieser Roman mit der ganz unverwechselbaren Handschrift des Autors der „Elegie der Nacht“ geschrieben ist.

Die Fabel ist von klassischer Einfachheit. Ein von Geburt an mißgestalteter Zwerg wird den Menschen und sich selbst nur durch seine Häßlichkeit abscheulich. Nicht seine Versuche, Gutes zu tun, nicht sein verzaubertes Gitarrespiel, das letzte Bemühen, zu den Menschen zu sprechen, sich ihnen verständlich zu machen, werden von ihnen angenommen. Sie wollen ihn böse und zwingen ihn, tatsächlich zu dem gefürchteten Unhold zu werden, der Frauen und Kinder in Schrecken versetzt. Die Gitarre, seine einzige Liebe, zerschmettern sie an einem Felsen, nachdem sie ihr Urteil über ihn gesprochen haben. „Du meinst, der Tod wäre für dich der Beginn des Friedens, den du suchst. Er wäre es nicht. Man wird sich an dich als an ein Ungeheuer erinnern, das in seiner Perversität so weit gegangen ist, sich in der Maske des Künstlers zu tarnen. Diese Verkleidung wird dir nichts nützen. Der schlechte Baum kann nur schlechte Früchte tragen ... Deine Gitarre muß sterben.“

Diese Geschichte der tiefsten Ausweglosigkeit, die sich sogar über den Tod hinaus erstreckt, ist bis in die letzte Faser verwoben mit der Landschaft und der Folklore Galiziens. Eine wilddüstere Küste, ein eifersüchtiges Meer, das unersättlich seine Opfer fordert, ärmliche Hütten mit einsamen Menschen, und darüber rieselt mit dem unaufhörlich feinen Regen die morriña, monotone Schwermut, die, selbst in den traurigen Klängen der gellen gaita, Tänze und Feste überschattet: In den kurzen, sachlich erzählenden Sätzen del Castillos wird all das lebendig, wird es Poesie.

Das Thema – es ist im Grunde das Thema der autobiographischen „Elegie der Nacht“, das hier zu einem Ende gebracht wird –, so meisterhaft begonnen und wie in einer Sonate durchgeführt, sei, so sagte Horst Bienek in einer Besprechung, „vielleicht etwas zu literarisch“. Sicher ist „Die Gitarre“ eine genaue Entsprechung zur „Elegie der Nacht“, vom Persönlichen ins Außer-Persönliche transponiert. Und Michel del Castillo sagt es selber in seinem Vorwort: „‚Die Gitarre‘ ist ein Aufschrei. Den Schrei, den auszustoßen ich mir in meinem ersten Buch versagt habe, hier habe ich ihn ausgestoßen.“