C. L., Tunis, im November

In Tunis rechnet man damit, daß die ersten Hilfslieferungen aus der Sowjetunion und Rotchina für die Algerische Befreiungsfront im Januar in Kairo eintreffen werden. Ein großes Problem ist indessen, wie sie von dort aus weitertransportiert werden sollen. Der Weg durch die Libysche Wüste, auf dem die Ägypter bisher ihre Lieferungen an die FLN nach Tunesien geschafft haben, eignet sich kaum für den Transport der erwarteten schweren Ausrüstung. Der Seeweg durch das Mittelmeer ist gefährdet, da die Franzosen ihre Patrouillen offenbar verstärkt haben und sich nicht scheuen, Schiffe mit Rüstungslieferungen für die FLN aufzubringen. Bleibt also nur der Luftweg von Kairo über Libyen nach Tunis. Was aber wird die französische Luftwaffe tun?

Welche Art von Hilfe die Algerier eigentlich erwarten, ist von den FLN-Leuten nicht zu erfahren. Ihren dürftigen Angaben ist nur zu entnehmen, daß sie zwar Techniker, aber keine sowjetischen oder chinesischen „Freiwilligen“ haben wollen. Auch möchten sie keine regelrechte Luftwaffe, höchstens ein paar Transportflugzeuge, mit denen sie in Tunesien und Marokko operieren könnten. Im übrigen machen sie kein Geheimnis daraus, daß ihr wichtigstes Ziel ist, die unter elektrischer Spannung, stehende Morice-Linie zu durchbrechen, die Tunesien von Algerien trennt.

Diese Linie besteht aus einem riesigen Elektrozaun inmitten eines undurchdringlichen Stacheldrahtverhaues; wann immer die FLN diese Sperre an einer Stelle durchbricht, wird dies auf den Radarschirmen der Grenzposten angezeigt, die die Franzosen entlang der ganzen Linie unterhalten. Allerdings ist das System keineswegs narrensicher: Heftige Windstöße, die den Elektrozaun erschüttern, erscheinen auf den Radarschirmen als „Durchbrüche“ und lösen oft falschen Alarm aus.

Oft stiften die Algerier dadurch Verwirrung, daß sie an einer Stelle Maultiere oder Vieh in den Zaun treiben, ihn aber gleichzeitig an einer ganz anderen Stelle durchschneiden. Obwohl die Franzosen die Undurchdringlichkeit der Morice-Linie rühmen, sind FLN-Durchbrüche an der Tagesordnung. Größere Verbände oder schwere Ausrüstung allerdings können sie nicht hinüberschaffen – ganz abgesehen davon, daß sie auf der anderen Seite noch immer die weitverstreuten Minenfelder überwinden müssen.

Die FLN-Führung gibt zu, daß sie die Sowjets und die Chinesen gebeten hat, zu untersuchen, wie die Morice-Linie außer Gefecht gesetzt werden könne. Nach Ansicht militärischer Fachleute wäre es offenbar das einfachste, das System an vielen Stellen mit schwerem Artilleriefeuer zu belegen, so daß der Elektrozaun nicht so rasch wieder unter Spannung gesetzt werden könne.

Während man sich in Tunis den Kopf über diese Dinge zerbricht, ist der französischen Algerienpolitik von den Staaten der ehemaligen Communaute ein weiterer Schlag versetzt worden: diese Staaten nämlich haben beschlossen, ihre noch in Algerien stehenden Verbände zurückzuziehen. Senegal (mit einer ansehnlichen Streitkraft) und die Elfenbeinküste haben diesen Entschluß bereits kundgetan. Kamerun und Niger werden sich diesem Schritt wohl anschließen, nachdem sie letzte Woche bei Besprechungen mit Staatspräsident Burgiba und den FLN-Führern unter entsprechenden Druck genommen worden sind.