S. H. Rabat, Ende November

Französische Beamte in Marokko machen kein Hehl daraus: Ein Schnitzer der Franzosen ist die Hauptursache dafür, daß eine marokkanische Militärmission unter Führung von General Mohammed Amezzine nach Moskau gereist ist, um dort ein Abkommen perfekt zu machen, wonach die Sowjetunion die Armee des antikommunistischen Königs Mohammed V. mit Düsenflugzeugen ausstatten soll. Die französischen Beamten räumen auch ein, daß dies das Gesicht der bisher von Frankreich ausgebildeten und ausgerüsteten marokkanischen Armee von Grund auf verändern könnte.

Die Geschichte begann am 1. September mit, einem französisch-marokkanischen Abkommen. Nach dessen Wortlaut sollte Frankreich alle Truppen, die es noch in seinem ehemaligen 1956 selbständig gewordenen Protektorat Marokko stationiert hat, bis zum März 1961 abziehen; die französischen Luftstützpunkte sollten bis 1963 geräumt werden. Dieses Abkommen ist von der marokkanischen Linken als „Übereinkunft zur Verlängerung der Besatzungszeit um drei Jahre“ scharf kritisiert worden. Die Regierung wollte nun der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen, indem sie versuchte, die Franzosen zu einem früheren Abzug zu bewegen.

Dies freilich ist noch nicht die ganze Geschichte. Da ist noch die Sache mit den zwölf Mistral-Düsenjägern, die Frankreich den Marokkanern zum Geschenk machen wollte. Bei den Unabhängigkeitsfeiern am 16. November sollten, die Flugzeuge über dem Paradefeld der palmenumsäumten Stadt Marrakesch vor König Mohammed und Kronprinz Moulay Hassan einen eindrucksvollen Demonstrationsflug vorführen.

Weil aber der König seiner Opposition vor dem Unabhängigkeitstag zeigen wollte, daß er sich nicht scheut, die ehemaligen Kolonialherren hart anzufassen, ließ er dem französischen Botschafter am Abend des 6. November mitteilen, daß alle französischen Militäreinrichtungen in Rabat umgehend zu räumen seien. Die französischen Offiziere wurden aus den Betten gerissen, um die Räumung durchzuführen, und am nächsten Morgen rückte eine Schwadron marokkanischer Kavallerie in ihr Hauptquartier ein.

Die Franzosen empfanden all dies als höchst willkürliche und anmaßende Auslegung des September-Abkommens und zogen zur Vergeltung ihre Zusage, die Mistral-Jäger zu liefern, zurück. Dies nun erzürnte den Kronprinzen so sehr, daß er sofort den sowjetischen Botschafter Dimitri Pogidajew kommen ließ und ihm sagte, er sei nun bereit, auf ein russisches Hilfsangebot einzugehen und zwölf MIG-Düsenjäger anzunehmen.

Die Franzosen hatten dies nicht erwartet. Sie glaubten zunächst auch nicht, daß König Mohammed den impulsiven Schritt seines Sohnes gutheißen werde. Ein amtliches Kommuniqué bereitete diesem Traum indes bald ein Ende.