Fremdes Brot ist den Kindern Kuchen – und nicht nur den Kindern. Wer nicht ganz stumpf oder in sich versonnen ist, kennt die große Neugier, die alles Unbekannte reizvoll macht. Schon deshalb werden viele Leser –

Pham Van Ky: „Die zornigen Augen“, aus dem Französischen von Hedda Söllner; Verlag R. Piper & Co, München; 394 S., 17,80 DM

interessant finden. Pham Van Ky stammt aus Vietnam, das 1916, als er geboren wurde, in Europa noch Französisch-Indochina hieß. Mit 22 Jahren ging er nach Paris. Heute leitet er die Sendungen des Französischen Rundfunks für Vietnam. Aber nicht westliche Einflüsse machen sich in diesem Buch bemerkbar, sondern es gemahnt an einen Meister des modernen Romans aus nicht ganz so Fernem Osten. Wie in Pasternaks „Doktor Schiwago“ wird durch Überblendung und Verquickung persönlicher Schicksale und historischer Ereignisse aus unzähligen Teilchen das Mosaik eines Zeitalters zusammengesetzt.

Es ist die Zeit, da sich der Westen die „offene Tür“ nach China erzwang, die Zeit des englischchinesischen „Opiumkrieges“ von 1840. (Übrigens – die Londoner Tate Gallery, die im Buch mehrmals erwähnt wird, wurde erst 1897 eröffnet.) Es ist eine wilde, verworrene Epoche der chinesischen Geschichte: An der Küste drohen die Barbaren aus Europa und Amerika; im Innern inszenieren chinesische Patrioten Komplotte gegen die zweihundertjährige Tyrannei der Mandschu; halbverstandene Lehren christlicher Missionare und Brocken abendländischer Wissenschaft liegen im Widerstreit mit altchinesischen Legenden, mit der Zihlenmystik und den Weisheitssprüchen chinesischer Denker.

Männer beißen sich die Zunge ab, damit sie unter der Folter nicht zu Verrätern werden; ein Reiter reißt im vollen Galopp einen Hahn an sich, dreht ihm den Kragen um, rupft ihn, reitet das Fleisch unter dem Sattel mürbe und verschlingt es – aber dieser Rohling kann es nicht übers Herz bringen, den Würdenträger, der seine Brüder ermorden ließ, aus dem Hinterhalt zu erschießen. Er ist ein Schwurbruder im Kampf gegen die Mandschu, ein einfacher Bote und Soldat, aber ein Mandschu-General schließt mit ihm eine Blutsfreundschaft, die alle Schranken durchbricht und durch den Tod besiegelt wird.

Dieser Wirrwarr der Gesinnungen und Gefühle gibt dem Roman das Gepräge. Aber mit schlichter Klarheit wäre dieser zerquälten Zeit nicht beizukommen gewesen. Ludwig Fürst