Von totalitären Staaten östlicher Provenienz geht nicht nur Bedrohung, sondern auch Öde und kleinbürgerlicher Muff aus. Das erste läßt sich schwer deutlich machen, beim zweiten nehmen’s die Fernsehreporter allzu genau: Ostblock-Berichte strahlen bald dieselbe Langeweile wie ihr Gegenstand aus. Hat man nur genug von ihnen gesehen, kann man die Länder und Städte mittlerweile nicht mehr auseinanderhalten – so sehr gleicht einander, blickt man nicht tief genug, die Oberfläche volksdemokratischen Lebens.

Jürgen Neven duMont, sonst doch einer unserer besten; Fernsehleute, sah in seinem Bericht über die Tschechoslowakei nicht tief genug: Es ist nicht damit getan, den Wohlstandsparolen immer wieder nur den Lebenshaltungsindex entgegenzuhalten, schon weil dergleichen ja auch für Spanien und Portugal zutreffen würde. Prag hat nach dem Kriege eine ganz andere Entwicklung als Budapest oder Warschau durchgemacht, man hat sich schneller als anderswo mit dem System arrangiert, der Wunsch nach Freiheit ist weniger stürmisch hervorgetreten. Den Gründen dieser und ähnlicher Erscheinungen wäre nachzuspüren gewesen, auch der an Haß grenzenden Antipathie, mit der Ungarn und Polen auf den saturierten Bruder blicken. Nichts davon gab Neven duMont, nur eben das übliche Einerlei von Parteipathos und Souterrainmief. Das aber langt nicht. lupus

Der Tod im Sandkasten

Ein aufregendes Stück verbarg sich hinter dem Titel „Familie“. Keine „Familie-Schölermann“-Belanglosigkeiten waren das. Das einfache Gesicht des Hauptdarstellers (Robert Müller) versprach schon in den ersten Minuten mehr: ein zerfurchtes Gesicht, zahnloser Mund, von dem die Falten konzentrisch davonlaufen, ein Greis, ein alter Rabe, zusammengefallen, schwitzend. Er spielt Schach mit sich selbst. Seine Stieftochter (Heidemarie Hatheyer) taucht auf, und nun geht die Misere los. Sie haßt ihn, weil er bockig wie ein Kind ist. Die Hölle ist in der Familie, jeder widert jeden an. Der Großvater träumt davon, eines Morgens sagen zu können: „So, jetzt gehe ich einfach“ – um die anderen damit zu treffen. Doch das wollen ja die anderen, die Söhne und ihre Frauen. Der Greis ist völlig verzweifelt über die Lieblosigkeit: „Dann schlagt mich doch tot, ihr Kanaillen.“ Aber er geht von selber, bei seinem Abgang hält er Gericht über die anderen, in Gehrock und Wilhelm-Raabe-Hut verläßt er das Haus, ein groteskes Unikum, eine tief tragische Gestalt.

Die beiden Autoren, Gert Weymann und Edmund Morris, haben mit psychologischer Kunst eine dunkle Zone des Versagens unserer Gesellschaft angeleuchtet. Regisseur Peter Beauvais vermochte vorallem im ersten Teil die notwendigerweise fehlende äußere Spannung durch innere zu ersetzen. Sehr gut in Nebenrollen waren Ernstwalter Mitulski als witzelnder Altersheim-Direktor, Hubert Suschka als plump-flirtender Untermieter, Eduard Schmiedel als stiller Ehemann, der Gewissensqualen litt.

Die Problematik dieses Spiels war echt, jeder ist zu begreifen, alle sind ursächlich beteiligt am qualvollen Zusammenleben. Jürgen Zimmer

Wir werden sehen