Variationen über ein Lortzingsches Thema – Gespräch über Urlaubsgestaltung

Von W. Abendroth

Die Evangelische Akademie in Tutzing hat sich mit besonderer Liebe des vielseitigen und vielschichtigen Fragenkomplexes angenommen, der sich hinter dem Schlagwort „Massentourismus“ verbirgt. Nun schon zum dritten Male widmete sie diesem Thema eine mit Referaten, und Diskussionen beinahe überfüllte Tagung. Immer mehr rückte dabei die „menschliche“ Seite der Angelegenheit in den Vordergrund – doch das versteht sich wohl bei diesem religiös bestimmten Forum von selbst. Dagegen scheint es gar nicht so einfach zu sein, dieses „Menschliche“ auch nur klar zu definieren, geschweige denn, es im Rahmen eines so durchorganisierten Zivilisationsphänomens noch entscheidend wirksam werden zu lassen. Um so weniger, als auf dieser Tagung rücksichtslose Kulturkritik ausgeschaltet blieb – freilich aus guten Gründen, denn es geht nicht darum, die Existenzberechtigung von unabweisbaren Wirklichkeiten zu untersuchen, sondern diesen Wirklichkeiten eine möglichst positive Richtung zu geben.

Für den gläubigen Christen hat jenes „Menschliche“ kein Fragezeichen. Es ist ein „Ebenbild Gottes“ als Ursprung und Auftrag. Wieweit sie im modernen Urlaubsbetrieb zu kurz kommt oder gar gefährdet erscheint: danach ist gefragt.

Der erste „Urlaubskünstler”

Daß der Christ im Urlaub nicht Urlaub auch vom Christsein machen dürfe, daß er, im Gegenteil, im Urlaub „das Geheimnis der Ruhe und des Zeithabens für das Gute neu lernen“ sollte („Christen sind Menschen, die Zeit haben“), war demgemäß die Quintessenz des gedankentiefen Vortrags von Landesbischof Dr. Hermann Dietzfelbinger. Er wies auf, was die evangelische Kirche schon seit Bodelschwingh, dem ersten „Urlaubskünstler“, für die Einrichtung von Ferienkolonien getan hat und was sie heute tut mit dem Organisieren von Urlaubspredigten und mit Kurpfarrern, neuerdings sogar einer Camping-Seelsorge und der „Kirche auf Rädern“. Die Kirche sieht in diesen Unternehmungen geradezu eine missionarische Aufgabe. Sie stützt sich dabei auf die Erfahrung, daß viele Leute erst im Urlaub den Sonntag wiederentdecken. Aus mehreren Erholungsgebieten wird bestätigt, daß während der Reisezeiten die Gottesdienste beider Konfessionen brechend voll sind, nicht nur, wenn es regnet.

Überwiegend pessimistisch stellte Domkapitular Joachim Delagera als katholischer Seelsorger die Situation der Urlaubsorte dar. Das Gesicht der Dörfer, so meinte er, werde durch den Fremdenverkehr bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, der Einheimische werde zur Geldgier verführt, durch Arbeitsüberlastung und übertriebene Zimmerabgabe werde die Familiengemeinschaft gesprengt, Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenshaltung geweckt und sogar religiöses Brauchtum – etwa das den Morgenschlaf der Kurgäste störende Angelusläuten – in Frage gestellt. Dem stehe freilich entgegen, daß der neue Erwerbszweig manche frühere bittere Armut beseitigt habe.