Bonn, Ende November

Vor etwa vierzehn Tagen hat sich Ministerialdirektor Krautwig, der im Bundeswirtschaftsministerium die für den Interzonenhandel zuständige Abteilung leitet, mit dem Hauptabteilungsleiter Behrendt vom Ministerium für außen- und innerdeutschen Handel der Sowjetzone in Westberlin getroffen. Nur ein persönliches Gespräch – so lautete zunächst die offizielle Bonner Darstellung. Dr. Krautwig sei aus eigenem Entschluß gefahren. Aber Krautwig war natürlich umsichtig genug, nicht ohne vorherige Zustimmung des Bundeswirtschaftsministers und des Staatssekretärs auf die Reise zu gehen. Auch das Auswärtige Amt war unterrichtet worden, und nicht zuletzt auch der Bundeskanzler. Ganz so spontan, wie es amtlich hingestellt wurde, war also die Reise nicht.

Offensichtlich wollte Krautwig erkunden, wie sich die Gegenseite bei eventuellen Verhandlungen über ein neues Interzonenhandelsabkommen verhalten würde. Das alte Abkommen ist im September zum Jahresende gekündigt worden. Dem Leiter der Westberliner Treuhandstelle, Dr. Leopold, der bisher die Verhandlungen über den Interzonenhandel auf westdeutscher Seite leitete, paßte diese Einschaltung eines ranghöheren Bonner Beamten nicht. Er war verstimmt, man hörte, daß er Rücktrittsabsichten hätte. Aber inzwischen stellte Krautwig in Bonn klar, daß Leopold auch mit der Leitung von Verhandlungen über ein neues Interzonenhandelsabkommen betraut würde.

Es sieht also so aus, als ob bald wieder offizielle Verhandlungen über ein neues Interzonenhandelsabkommen in Gang kommen werden. Behrendt hat Krautwig offenbar zu verstehen gegeben, daß die Zufahrten nach Berlin frei sein würden, wenn der Interzonenhandel weiter in Gang bliebe. Man scheint in Pankow bereit zu sein, die bisherigen Schikanen stillschweigend einzustellen. Juristische Zusicherungen für die Freiheit der Zufahrtswege nach Westberlin kann die Zonenregierung zwar nicht geben, weil sie dafür nicht zuständig ist. Das ist Sache der Alliierten. Aber es besteht seit langem ein faktischer, wenn auch kein rechtlicher Zusammenhang zwischen unbehindertem Interzonenhandel und unbehinderter Zufahrt nach Westberlin.

Ob die Kündigung des Interzonenhandelsabkommens als Warnschuß – als solcher war sie gedacht – ihre Wirkung getan hat? Bonn scheint zu erreichen, daß die Belästigung des Warenverkehrs mit Westberlin aufhört. Es bleibt freilich die Frage, ob der Genehmigungszwang für Fahrten in den Ostsektor Berlins bestehen bleiben soll. Und es sieht so aus, als ob Pankow in diesem Punkt nicht mit sich reden läßt. Die Beibehaltung des Genehmigungszwangs aber – wenn auch vielleicht zunächst nur lose gehandhabte Formalität – würde die offizielle Verneinung des Viermächtestatus Berlins durch die Pankower Regierung unterstreichen. Das Auswärtige Amt, das die Aufkündigung des Interzonenhandelsabkommens vorgeschlagen hat, und das Bundeswirtschaftsministerium, das sie für falsch hielt, weil hier eine stumpfe Waffe am unrichtigen Platz verwendet werde, sind sich jedenfalls auch heute noch nicht einig, ob die Kündigung des Abkommens zweckmäßig war. Robert Strobel