Von Erwin Topf

Auf der Jahrestagung der Arbeitgeber-Bundesvereinigung hat Generaldirektor Otto A. Friedrich, der Chef der Harburger Phoenix-Werke, dem Bundeswirtschaftsminister empfohlen: er – Erhard – möge doch einmal "an einen Rückschlag glauben"; das werde bestimmt dazu verhelfen, die Konjunktur so, wie es immer noch nötig sei, zu "dämpfen" ... Was Friedrich sagte, klang zwar wie ein Scherz, war aber – auf Grund seiner Überzeugung, daß "Konjunktur ist, was man glaubt" – durchaus ernst gemeint. Zudem ist ja bekannt, daß Professor Erhard der Meinung ist (oder war), er könne sich die Konjunkturen so, wie er sie jeweils brauche, "zurechtreden".

Diesmal freilich, in der Stadthalle von Bad Godesberg, ging es ohne alle "Seelenmassage" ab. Sehr im Gegensatz zu seinen schroffen Formulierungen bei Eröffnung der Photokina in Köln beschränkte sich der Bundeswirtschaftsminister nun darauf, eine Analyse der konjunkturellen Entwicklung – als einer Ungleichgewichtslage, hervorgerufen durch zu schnell und zu leicht verdientes Geld – zu geben, und die Mahnung anzufügen: es werde "ein äußerstes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich sein, um die Dinge in ruhige Bahnen zu lenken." Als keinerlei Prognose jener Art, wie sie Phoenix-Friedrich (und nicht nur er!) gerne gehört hätte ... Statt dessen sagte Professor Erhard, daß wir uns "einen Abbruch der Konjunktur" deshalb gar nicht leisten könnten, weil "alle unsere sozialen Leistungen auf dem Status der absoluten Vollbeschäftigung aufgebaut" seien; dieser Status müsse ergo bleiben.

Nun ließe sich sehr darüber streiten, ob die in den letzten Monaten so sehr geschmähten und so böse verspotteten "Aktivisten der Konjunkturpolitik" tatsächlich so etwas wie einen Abbruch der Konjunktur anstreben, oder ob sie lediglich (genauso wie Professor Erhard) ein Zurückführen der Überkonjunktur "in ruhige Bahnen" wollen. Vermutlich gibt es da, in der Sache, gar keine Unterschiede: man ist sich eben nur in der Beurteilung der gegenwärtigen Situation nicht recht einig, und deshalb natürlich auch in der Bewertung der jüngst angekündigten Maßnahmen.

Die "Aktivisten" sind überzeugt, daß die diversen Aktionen zur Liquiditätsabschöpfung und die sich daran anschließenden Kapitalexporte nicht ausreichen werden, um die Übernachfrage wirksam einzudämmen. Auch Minister Erhard ist, wie er in Bad Godesberg vor den Arbeitgebern sagte, nicht ganz davon überzeugt "daß jene Abschöpfungsmaßnahmen zu einem hinreichenden konjunkturpolitischen Effekt führen würden".

Bleibe aber die Wirkung hinter dem, was man erhoffe, zurück, dann könne der Staat "nicht die Hände in den Schoß legen" – so fuhr Erhard fort. Freilich sei, bei zementierten intervalutarischen Kursen und Konvertibilität, kaum noch hinreichender Spielraum für eine Konjunkturpolitik im nationalen Rahmen; also werde man "irgendwo" auf internationaler Ebene manöverieren müssen, und dafür konkrete deutsche Vorschläge auszuarbeiten haben. Sonst aber müsse das Thema "Aufwertung" tabu bleiben.

Soviel von den Aphorismen zur Konjunkturpolitik, die Professor Erhard in Bad Godesberg mit beiden Händen vor seinem Auditorium ausstreute. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, daß er, ganz am Rande, ein weiteres Tabu berührte, nämlich die Selbstfinanzierung: "Falls wir uns eines Tages wieder über Mißstände auf diesem Gebiet unterhalten müssen, so sollten wir uns klar sein, daß damit soziale Sprengwirkungen erster Ordnung ausgelöst werden können." – Das ist ein Hinweis, über den nachzudenken auch dann lohnt, wenn man selber der Meinung ist, die Übernachfrage nach Investitionsgütern sei eindeutig bedingt durch ein Übermaß an Selbstfinanzierung, und diese also sei heute das eigentlich konjunkturschaffende Moment.