Drei deutsche Schauspielbühnen sind, soviel bisher bekannt wurde, zur nächsten Saison des „Theaters der Nationen“ nach Paris eingeladen worden. Von den Berliner Barlog-Bühnen soll „Raskolnikoff“, das während der Berliner Festwochen 1960 erfolgreich uraufgeführte Dostojewskij-Stück von Leopold Ahlsen, in Paris gezeigt werden. Das Bochumer Schauspielhaus wurde aufgefordert, mit seiner Uraufführung der Komödie mit Chansons „Die Veilchen“ von Georges Schehade zu gastieren. Da die Pariser Theaterolympiade erstmals einen „Monat des Experimentiertheaters“ enthalten wird, ist eine Einladung auch an das literarisch unternehmende Schloßtheater in Celle ergangen, das bereits im vergangenen Mai auf dem Festival du Théâtre d’Avantgarde in Brüssel mit dem „Untergang der Stadt Sun“ von Gherardini vertreten war.

Die Pariser Institution erfreut sich einer internationalen Resonanz, die Einladungen zum „Theater der Nationen“ sind Auszeichnungen. Anfangs handelte es sich nur um ein Festspiel wie andere auch. Aber auf Empfehlung und dank der Autorität der UNESCO subventionieren seit Jahren der französische Staat und die Stadt Paris diese Theaterolympiade, die durch eine Satzung zur ständigen Einrichtung wurde. Ihr Ziel ist ein regelmäßiger Überblick über die schöpferischen und reproduktiven Kräfte im Theaterleben aller Länder, wobei das zeitgenössische Schaffen im Vordergrunde steht.

Dazu gehört freilich ein Publikum, wie es Paris besitzt. Aus Erfahrung läßt sich feststellen, daß so viele interessierte Zuschauer, die über sprachliche Schwierigkeiten hinweg Verständnis auch dem Ausgefallenen entgegenbringen, augenblicklich kaum anderswo als in der Theatermetropole Paris anzutreffen sind. Dort bestanden zu haben, ist – unabhängig von offiziellen Diplomen, die auch verliehen werden – eine Ehre.

Für deutsche Bühnen, die mit schöner Regelmäßigkeit nach Paris gebeten werden, ergibt sich eine willkommene Gelegenheit, Leistungen international sichtbar zu machen, die in der Heimat nur eine begrenzte Ausstrahlung erreichen. Die Dezentralisation des deutschen Theaters hat zwar eine in anderen Ländern unbekannte Menge der Bühnen und der Mittel im Gefolge. Aber die Initiative des einzelnen Theaters und die Reichweite der Darstellungskunst werden durch den allgemeinen deutschen Provinzialismus eingeschränkt. Aus diesem Grunde sind solche ausstellungsmäßigen Gastspiele, wie sie das „Theater der Nationen“ arrangiert, dankbar zu begrüßen.

Gleichwohl ist es keine Selbstverständlichkeit, daß eine Bühne, die nach Paris geladen wird, dieser Aufforderung ohne weiteres folgen kann. Zwar stellt das „Theater der Nationen“ das Théâtre Sarah Bernhardt mit seinen rund 1400 Plätzen und dessen hauseigene Technik sowie die Propaganda für die Vorstellungen gratis zur Verfügung. Doch die Reisekosten, die Künstlergagen und Diäten müssen von den gastierenden Ensembles oder von deren Rechtsträgern bestritten werden. Gegen die dafür notwendigen Sonderzuschüsse sind wiederholt Einwendungen erhoben worden, die hier und da sogar zu einer Absage nötigten. Pfahlbürgerlicher Selbstgenügsamkeit will es nicht einleuchten, warum deutsche Theater sich eine Bestätigung ihres Ranges im Ausland attestieren lassen wollen.

Nun gibt es Sonderfonds, aus denen solche außerordentlichen Unternehmungen unterstützt werden können. An oberster Stelle fungiert das Bundesaußenministerium in Bonn. Auch Landesregierungen können, wo gemeindliche Mittel nicht ausreichen, Sonderzuwendungen geben, wenn die entscheidenden Stellen von der Notwendigkeit der Ausgabe überzeugt werden.

Hier droht Jahr um Jahr ein zweites Handicap. Es besteht in einer deutschen Gegenauslese. Die Ämter sind manchmal in Vorstellungen einer Kulturpropaganda befangen, der als förderungswürdig nur gilt, was nach deutschen Begriffen eine vorteilhafte Selbstdarstellung im Auslande verspricht. Anderes, das lediglich als künstlerische Leistung gewertet werden will und deshalb in Paris besonders interessiert, wird in unseren Ämtern quasi einer ideologischen Kontrolle unterzogen und unter Umständen an seiner internationalen Ausstrahlung behindert, indem der Geldsack verschlossen bleibt. Unvergessen ist eine Debatte, in die-wegen solcher Praxis des Auswärtigen Amtes vor einigen Jahren Bundesaußenminister Dr. von Brentano verwickelt wurde.