Von Richard Neutra

Der amerikanische Architekt von Weltruf, Richard Neutra, wird für die Betreuungs- und Wohnbaugesellschaft (Bewobau) in der Umgebung von Hamburg bei Quickborn, Pinneberg und Schenefeld und in Walldorf bei Frankfurt Eigenheimsiedlungen bauen. Es ist vorgesehen, daß die Einzel- und Doppelhäuser etwa 70 000 bis 120 000 Mark bei einer Wohnfläche von 85 bis 145 Quadratmeter kosten sollen. Neutra war zu Verhandlungen in Hamburg, zum zweitenmal in diesem Jahr.

Neutra ist übrigens ein bedeutender Lehrer in seinem Fach. Und in dem großen, eleganten Hotel macht er auch den Eindruck des Universitätsprofessors. Er ist sehr groß und schmal. In dem hellen, von weißen Haaren umrahmten Gesicht sind die buschigen Augenbrauen markante schwarze Zeichen. Die blaugrauen Augen blicken lebhaft, ernst, klug, gütig. „Mein Mann hat zwei verschiedene Augen“, sagt die Frau des Architekten im Laufe der Unterhaltung. Und er fügt in weichem Wiener Tonfall hinzu: „Vielleicht sehe ich deshalb die Welt so, wie ich sie sehe.“ Richard Neutra ist in Wien geboren und 68 Jahre alt. 1925 ging er nach Amerika.

Ein „Neutra-Haus“ zu bewohnen, gilt heute in Kalifornien als legitimer Ausweis der Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Bevor er baut, berät er sich mit jedem Familienmitglied einzeln, um ihren Geschmack und ihre Lebensgewohnheiten kennenzulernen. „Was erwarten die Leute von uns? Sie wollen glücklich sein und harmonisch leben. Man darf sie nicht schockieren, man muß sie allmählich überzeugen.“ Er ist ein humanistischer Architekt. Der Mensch ist für ihn das Maß aller Dinge. Es müsse den Menschen, so sagt er, um die Anpassung ihrer unablässigen Erfindungen und technischen Neuheiten an die eigene Natur gehen. Sein Beitrag auf dieser Seite der ZEIT, den wir im Anschluß an Fabre Luce, an die Kritik eines Individualisten an der Architektur veröffentlichen, versucht eine Antwort auf die Frage „Wo bleibt bei allem Fortschritt der Mensch?“ Neutra baute Kirchen, Schulen, Hotels, Krankenhäuser, Denkmäler, Siedlungen, ganze Städte in vielen Erdteilen. Er baute Theater (in Düsseldorf gewann er in diesem Jahr den ersten Preis des Theaterwettbewerbs) und sogar einen Tierpark in Indien.

Das lebhafte, mit Bonmots und Bekenntnissen angefüllte, von Beispielen aus vielen Lebensgebieten sprühende Gespräch durchmißt die Möglichkeiten der „Behausung“ von der Höhle bis zum Hochhaus. Der unermüdliche Anreger und Lehrer, Architekt, Biologe und Philosoph hat an den größten amerikanischen Universitäten gelesen, er war Gastdozent in Hawai, Brasilien, hat in Paris, Venedig, London, Rom, Mailand, Osaka, Tokio, Buenos Aires und Johannesburg, 3erlin und Hamburg gesprochen. Seine Bücher sind in alle abendländischen Sprachen übersetzt, aber auch in japanischer Sprache erschienen. In Hamburg fröhnt er vor allem seiner Theaterleidenschaft. Für einen der ersten Abende war ein Besuch von Shakespeares „Sturm“ mit dem wieder genesenden Gründgens im Schauspielhaus vorgesehen.

Ein paar Tage später setzen wir das Gespräch telephonisch zwischen Berlin und Hamburg fort. Die Berliner Luft gefällt dem Professor. „Ich gehe jetzt gleich in den neuen Zoo in Ostberlin. Das Verhalten der Tiere interessiert mich. Sie benehmen sich in Gefangenschaft ganz anders als draußen in der Natur. Manche spielen da Theater. Auch die Menschen haben ja sehr früh Theater gespielt, das Zuschauen kam erst später ... Ich habe hier am internationalen Colloquium über Theaterbau teilgenommen, und was ich sagte, scheint interessiert zu haben. Ich könnte Ihnen aus meinen Notizen bald einen Aufsatz machen, auch über meinen Düsseldorfer Theaterentwurf, den ich noch verändere... Übrigens, Ihre Zeitung erscheint doch auch in Buenos Aires? Dort bin ich, glaube ich – ziemlich bekannt. Ich hatte dort 4000 Zuhörer bei einem Vortrag; in Hamburg kamen nur 300...“ E. v. M.