Von Johannes Jacobi

Theater à la mode trägt sich heute „absurd“. Das gilt als der modernste Weg, dem Naturalismus zu entgehen. Vom Expressionismus unterscheidet sich der Absurdismus dadurch, daß es hier nichts mehr zu bekennen, nichts an Welt und Menschen zu ändern gibt. Es wird – sieht man auf die Substanz absurder Bühnenstücke – nur noch konstatiert: Alles ist hoffnungslos, alles vergeblich. Nihilismus mit schön geschwungener, pessimistischer Trauerfahne.

Hat man sich mit dieser weltanschaulichen Position abgefunden, dann sieht man auf dem Acker der Hoffnungslosigkeit die prächtigsten Blumen des Unsinns aufblühen. Eine wahre Formenkultur. Seitdem es die unterschiedlichen Stücke von Beckett und Ionesco gibt, läßt sich nicht bestreiten, daß das absurde Theater ohne viel szenisches Brimborium dem Wort als der zentralen Kraft eine neue Chance eröffnet hat, daß sogar das Banale „poetisch“ geworden ist.

Die Vorläufer des absurden Theaters finden bereits ihre Nachläufer, und von ihnen ist das Absurde schon als internationale Konfektion zu beziehen. Einen bemerkenswerten Sensationserfolg hat augenblicklich ein dreißigjähriger englischer Schauspieler, der schreibt, zu verzeichnen: Harold Pinter.

Am 27. April 1960 wurde vom Arts Theatre in London Pinters dreiaktiges Drei-Personen-Stück „Der Hausmeister“ uraufgeführt. Seitdem läuft es, längst in ein größeres Theater übergesiedelt, allabendlich und soll nach einjähriger Spielzeit in derselben Inszenierung am New Yorker: Broadway herauskommen. In der kurzen Zeit seither ist „Der Hausmeister“ in fünfzehn Länder verkauft worden, darunter natürlich Deutschland, wo sich bisher zwanzig Bühnen zur Aufführung entschlossen haben. Das ist ein Startrekord, der – da es sich um keinen Reißer handelt – auf Bedeutendes schließen ließe.

Dieser Konjunktiv ist kein Potentialis, sondern ein Irrealis. Das muß zur Ehre der deutschen Theaterdramaturgen gesagt werden. Für sie, die von dem Welterfolg des „Hausmeisters“ buchstäblich überfallen wurden, ist Harold Pinter nämlich kein Unbekannter gewesen. Er war nicht nur durch einen Einakter (das richtige Format für Pinter) von Frankfurt aus bekanntgeworden („Der stumme Diener“); auch das erste abendfüllende Stück „Die Geburtstagsfeier“, ist vom Braunschweigischen Staatstheater vorgestellt, worden. Die Folgen waren gering. Gleichwohl finden sich alle stilistischen und dramaturgischen Eigenschaffen des „Hausmeisters“ schon in der „Geburtstagsfeier“. Daß sie etwas undurchsichtiger verläuft, müßte ihren absurden Rang eigentlich noch erhöhen. Aber man spürte in den Dramaturgenbüros, daß hier nicht Genie und Phantasie, sondern Fingerfertigkeit die Feder führte, und ließ, nachdem man von dem neuen Autor Kenntnis genommen hatte, die Sache wegen Unerheblichkeit auf sich beruhen.

Und nun der internationale Überfall. Im Düsseldorfer Schauspielhaus fand die deutsche Erstaufführung statt. Ich habe die zweite Inszenierung gesehen. Sie wurde am Landestheater in Hannover von Hans Bauer geleitet, der sich seit Jahren in Köln um die szenische Entschlüsselung absurder Texte verdient gemacht hat.