D., Paris, Ende November .

Sechs Tage lang quälte sich die NATO-Parlamentarier-Tagung in Paris mühselig dahin. Hauptthema: Wird die NATO zur vierten Atommacht erhoben oder nicht? Das ist beileibe kein neues Thema. Doch ist man jetzt an einem Punkt angelangt, an dem man sich entscheiden muß.

Die maßgebenden Partner der Allianz sind sich nicht einmal in der Idee einig. Die Bundesrepublik ist dafür, England skeptisch. Amerika zögerte bis jetzt, Frankreich ist dafür, unter der Voraussetzung freilich, daß es seine eigenen nationalen Force-de-frappe verwirklichen kann. Während man sich also noch nicht einmal im Prinzip einig war, wurde in Paris schon die Frage diskutiert, wie die Kommandostruktur einer über taktische Atomwaffen verfügenden NATO beschaffen seinkönnte, und man erzielte hier sogar Übereinstimmung – negative Übereinstimmung allerdings nur. Fünfzehn Partner könnten nicht gemeinsam den Einsatz von Kernwaffen befehlen, weil im Ernstfall zu langwierigen gegenseitigen Konsultationen keine Zeit sei.

Und dann kam Spaak. „Ich persönlich bin davon überzeugt“, erklärte der NATO-Generalsekretär, „daß die Atlantische Gemeinschaft eine gemeinsame Atommacht haben muß. Dies würde erlauben, eine Reihe von Problemen der Verteidigungskraft und der Psychologie des inneren Zusammenhalts zu lösen.“

Spaak kam gerade aus Amerika. Er hatte sich dort mit den „neuen Herren“ unterhalten, „Ich muß mich außerordentlich klug und vorsichtig ausdrücken, aber ...“ Er ließ die Katze dann doch nicht im Sack. „Wir müssen der amerikanischen Regierung dankbar sein, daß sie sich mit dem ganzen Problem beschäftigt und bereits einige kühne Lösungen erarbeitet hat.“ Es ist kaum zweifelhaft, daß mit den „kühnen Lösungen“ Pläne für einen NATO-Atompool gemeint waren. Diese Pläne dürften die amerikanische Antwort auf de Gaulles Bestrebungen sein, die NATO in ein Bündnis im Stil des 19. Jahrhunderts umzuformen.