Im Fernsehstreit zwischen Bund und Ländern gibt es ein neues Argument. Die Befürworter eines zweiten Fernsehprogramms in der Bundesrepublik weisen darauf hin, daß das Sowjetzonenfernsehen ebenfalls ein zweites Programm vorbereite und demnächst ausstrahlen werde.

Ist dies Argument zutreffend? In der Sowjetzone gibt es zwei Sender, die das zweite Programm des „DDR-Fernsehens“ ausstrahlen könnten: Dequede bei Salzwedel und ein Strahler in Ostberlin. Für die Sendungen, die an Zuschauer in der Bundesrepublik adressiert sein könnten, kommt nur Dequede in Betracht. Dieser Strahler ist ein „Lückenfüllsender“ zwischen den starken Sowjetzonensendern Brocken und Schwerin. Dequede hat keinen exponierten Standort (Fernsehwellen werden im Unterschied zu Rundfunkwellen durch Hindernisse gestört) und ist schon deshalb schlecht geeignet für die Einwirkung ins Bundesgebiet.

Der für das zweite Programm des DDR-Fernsehens vorgesehene Ostberliner Strahler arbeitet auf Kanal 22, Dequede sendet auf Kanal 14. Das bedeutet: beide Sender können mit den zur Zeit verfügbaren Fernsehempfängern hüben und drüben noch nicht aufgenommen werden. Für das zweite Programm der Sowjetzone wären also ebenso wie für alle geplanten zweiten Programme in der Bundesrepublik ein Zusatzgerät und eine Zusatzantenne erforderlich – Kosten je Empfänger: mindestens 180 DM.

In der Sowjetzone selbst werden die erforderlichen Zusatzgeräte und Antennen noch nicht hergestellt. Das zweite Programm des kommunistischen deutschen Fernsehfunks in Berlin-Adlershof ist deshalb tatsächlich nur für den Export nach Westberlin und in die Bundesrepublik bestimmt. In der Bundesrepublik gibt es aber zur Zeit erst schätzungsweise 5000 Fernsehempfänger, die technisch hierauf eingerichtet sind. Mit einer ernsthaften Möglichkeit der zusätzlichen Massenbeeinflussung durch Fernsehsendungen aus Ostberlin über ein zweites Programm ist also für absehbare Zeit nicht zu rechnen.

Warum kündigen die Kommunisten dennoch ein solches zweites Programm mit solcher Dringlichkeit an? Einen Hinweis auf die Antwort gibt der geplante Name für dieses zweite „DDR-Fernsehprogramm: Deutschlandfernsehen. Es handelt sich also um die alte Geschichte vom Swinegel und vom Hasen. Ulbricht möchte am 1. Januar 1961 gern rufen: „Ick bün all door!“

Thilo Koch