Der Streit um die Sonntagsarbeit in der Eisen- und Stahlindustrie

Von Heinz Stuckmann

Weiß der Teufel, was die auf einmal haben“, sagte der Siemens-Martin-Werker, schob den Schutzhelm nach hinten, wischte den Schweiß ab und setzte den Helm wieder gerade. 1600 Grad strahlten vom Ofen her zu uns herüber. „Ich arbeite jetzt zwölf Jahre hier“, fing der Mann wieder an. „Ich stehe jede Woche 42 Stunden an dieser Stelle. Möchten Sie mal acht Stunden hier sein? Ich kann mich aber noch gut an die Zeit erinnern, als ich jede Woche 56 Stunden hier stehen mußte. Und ich weiß von meinem Vater, daß er vor dem Ersten Weltkrieg 72 und mehr Stunden hier gestanden hat – sonntags wie werktags. Der ist dann auch mit 55 Jahren gestorben. Das war Schinderei. Und damals hat keine Kirche den Mund aufgemacht. Dabei hätten es die Hüttenknechte von damals viel nötiger gehabt als wir heute. 72 Stunden... Und zu Großvaters Zeiten muß es noch schlimmer gewesen sein ...“ Er nahm einen Schluck aus der Flasche: „Das sage ich Ihnen aber nur privat. Schreiben Sie das nicht in der Zeitung. Sonst habe ich den Ärger...“

„Wenn man an früher denkt...“

Vorerst hat der Deutsche Bundestag den Ärger. Alle Parteien sind sich zwar einig, daß die Sonntagsarbeit eingeschränkt und die im Grundgesetz vorgeschriebene Sonntagsruhe so weit wie möglich verwirklicht werden müsse – auch in der Eisen- und Stahlindustrie. Über das Wie und Wann gehen jedoch die Ansichten – wie auch die letzte Bundestags-Debatte zeigte – weit auseinander. Die Bundesrepublik könne es sich nicht leisten, im Wettbewerb mit dem Osten auf drei Millionen Tonnen Stahl jährlich zu verzichten; so lautet das Hauptargument gegen den arbeitsfreien Sonntag. Das Hauptargument dafür: „Wir können nicht im Kampf um unsere Ordnung deren Inhalt aufgeben!“ Dazwischen stehen die Hüttenarbeiter mit ihrer Meinung: „So gut haben wir es noch nie gehabt: nur 42 Arbeitsstunden pro Woche und jedes vierte Wochenende 72 Stunden hintereinander frei. Wenn man an frühere Zeiten denkt...“

Tatsächlich haben die „Hüttenknechte“ – und nicht nur sie – vor rund 70 Jahren zu jeder Sonn- und Werktagszeit gearbeitet, wann und wie lange Unternehmer und Meister es befahlen. Eine reguläre Schicht dauerte damals genau zwölf Stunden – nämlich von 6 bis 18 Uhr oder von 18 bis 6 Uhr.

Erst eine Bundesratsverordnung von 1895 brachte einen gewissen Fortschritt. Sie schrieb vor, daß die Produktion in einer Schicht unterbrochen werden sollte: sonntags von 6 bis 18 Uhr. Viel Freude haben die Arbeiter an diesem Gesetz allerdings nicht gehabt. Der Paragraph 105 c der Gewerbeordnung gestattete in dieser Zeit Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten. Und die Industrie nutzte die Möglichkeit dann auch weidlich aus.