Von Walter Abendroth

Das Geschehen, das wir Geschichte nennen, ist kein mechanischer Ablauf von Bewegungsvorgängen, die sich, wie Maschinenarbeit, exakt kontrollieren und messen lassen. Das Wesentliche dieses Geschehens liegt vielmehr in seinen ideellen, organischen, lebendigen und darum unwägbaren Kräften, die sich in jedem Gehirn anders spiegeln. Geschichtliche Ereignisse und Entscheidungen stellen sich ja nicht etwa nur in der Rückschau subjektiv war; sie waren schon, als sie geschahen, die Austragung von subjektiven Vorstellungen, Bestrebungen und Tendenzen! Mithin kann man schwerlich behaupten, es sei für den objektiven Wahrheitswert geschichtlicher Untersuchungen schon dadurch etwas gewonnen, daß man noch Augen- und Ohrenzeugen zur Verfügung hat, die „dabei waren“.

Dies wieder einmal zu beweisen, war der wahrscheinlich nicht vorausbedachte Effekt des „Geisteswissenschaftlichen Kongresses“ (eine unnötig anspruchsvolle Namensgebung) über das Thema „Die zwanziger Jahre“, den die Stadt München an fünf Abenden durchführte, ergänzt durch Ausstellungen, Theater- und Filmaufführungen.

Die Referate und Diskussionen beleuchteten den Legendenstoff, der sich in der Überlieferung der Dabeigewesenen zum Mythos einer „Goldenen Zeit“ verdichtet hat, von verschiedenen Seiten: dem „Bauhaus“ war ein ganzer eigener Abend eingeräumt, der weltpolitischen Situation ein anderer, der Literatur und dem Theater ein dritter, dem soziologischen Befund der vierte und der Publizistik der letzte.

Was hörte man von denen, die „dabeigewesen“ waren? Nun, wie zu erwarten, überwiegend: besonnte Vergangenheit unter dem Schatten heraufziehenden Unheils, perikleische Geistesblüte, bedroht von dumpfer Geistfeindschaft. Die Nuancen, welche da zwischen Heil und Unheil, Geist und Ungeist spielten, fielen unter den Tisch. Von ferne berührt wurden sie, und damit das Terrain möglicher Annäherungswerte an die „historische Wahrheit“, fast ausschließlich von Vertretern jüngerer Jahrgänge, die nicht mehr „dabeigewesen“ und somit frei sind von Vor- und Nachurteilen eigener Erfahrung, frei von Ressentiments, frei von berechtigtem Trauma.

„Ach du goldene Zeit“ – dies der wehmütige Titel einer Erinnerungs-Kabarett-Revue in den Kammerspielen. Jenes in Frage stehende Dezennium war gewiß eine goldene Zeit, was die Fülle vorhandener Talente, die geistige Unternehmungs- und Angriffslust, die Freiheit der Gesinnungsäußerung betrifft. Das wurde den Zuhörern der Tagung wohl auch hinreichend zum Bewußtsein gebracht. Was ihnen vorenthalten wurde, wovon nur gelegentlich in vorsichtiger Andeutung die Rede war, das ist: daß die zwanziger Zeit so golden denn doch wieder nur aus der Sicht der darauffolgenden zwölfjährigen Dürre und Düsternis erscheint; daß damals die von den Veteranen so kritiklos gefeierten radikalen „Ismen“ weder die einzigen modernen Kunstäußerungen darstellten noch ohne Widerspruch anerkannt wurden; daß ihre Kritiker keinesfalls nur „Geistfeinde“ waren und noch weniger etwa bloß Nationalisten oder Rassenideologen; und daß endlich der Mißbrauch der unbeschränkten Freiheit die absolute Unfreiheit heraufzubeschwören half! Denn welcher Staat vermöchte es zu überleben, daß seine Träger, seine Handlungen sowie alle Autoritäten, die ihn stützen, jahraus jahrein aufs scharfsinnigste, talentvollste und amüsanteste bewitzelt, aufs radikalste attackiert werden, wie es der Weimarer Republik von ihren Intellektuellen, den eigentlichen Koryphäen der goldenen Zeit, widerfuhr?

Davon schwieg die Höflichkeit der berufenen Redner des Kongresses durchaus. Sie schwieg auch davon, daß damals Edelkommunismus und permanentes Revoluzzertum zum Berufskostüm des Menschen von Geist gehörten; was auch nicht gerade dazu beitrug, die Bildung einer zuverlässigen, für extreme Heilsproklamationen unanfälligen bürgerlichen Mitte zu fördern oder gar die moralische Position der Regierung zu festigen.