Wie groß ist die Macht des Papstes? Diese. Frage wird oft gestellt, zumal in den gegenwärtigen Wochen, da viele Politiker um Audienz bei dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche nachsuchten. Zu Besuch im Vatikan waren letzthin Macmillan, der britische Premier, und Brandt, der Berliner Oberbürgermeister, vor wenigen Tagen dann auch der (katholische) Ministerpräsident Frankreichs, Debré, und sein (protestantischer) Außenminister Couve de Murville. Und gerade dieser Empfang hat besonderes Aufsehen erregt, weil er einer Audienz folgte, die Johannes XXIII. den fünf Bischöfen von Algerien gewährt hatte.

Nach der Haltung, die der Pariser Erzbischof, Kardinal Feltin, als „Vikar der französischen Armeen“ in einem „Hirtenbrief“ an die Truppen dargelegt hat, kann man unschwer auf die Wünsche schließen, die den Papst bewegen: Er unterstützt de Gaulle auf dem friedlichen Wege zu einer Algerischen Republik und verheimlicht nicht, daß er eine algerische Unabhängigkit auch dann noch wünscht, wenn sie Frankreich große Opfer und viel Verzicht auferlegen sollte.

In der Tat ist der hohe Klerus in Algerien immer darauf bedacht gewesen, die mohammedanische Bevölkerung nicht etwa dadurch zu brüskieren, daß er in die Parole einer Algérie française einstimmte. Der Klerus hat im Gegenteil seit Jahren und bei vielen Gelegenheiten deutlich werden lassen, daß ein Zusammenwirken von Islam und Christenheit, auch unter der Voraussetzung einer Emanzipation der Algerier, das beste Gegenmittel gegen den atheistischen Kommunismus sei. – Bei alledem ist freilich selbst für den Fall, daß de Gaulle jene friedliche Lösung des Algerienproblems wirklich erreicht, wie sie der Vatikan herbeisehnt, die Frage noch nicht beantwortet, wie groß die politische Macht des Papstes sei.

Wahrscheinlich ist die Frage gar nicht beantwortbar. Natürlich gibt es Leute, die den Papst so ohnmächtig wie nur möglich wünschen und denen sich der Vatikan zu Rom als ein „dunkles Intrigen-Nest“, als die „internationale Hochburg der Schwarzen“ repräsentiert, und denen also die Phantasie noch immer durch Hitlersche oder Ludendorffsehe Haßvorstellungen oder durch noch älteren Aberglauben vergiftet ist. Andererseits sind unter denen, die den Einfluß des Christentums – und damit auch des Vatikans – auf die Weltpolitik wünschen, Skeptiker genug, die sagen: Der Papst kann gar nicht mächtig sein. Denn wäre er es, so wäre die Welt, oder wenigstens die halbe, durchdrungen von den christlichen Idealen, und die Menschen könnten in Frieden leben; aber nein, das zweitausendjährige Experiment mit dem Christentum sei nicht gerade ermutigend gewesen.

Einer solchen Meinung läßt sich allerdings der Satz entgegensetzen, daß zweitausend Jahre halt nicht ausreichen für dieses Experiment. (Selbst jene, die auf ein Nachlassen religiöser Gläubigkeit verweisen, werden mit Verblüffung oder Widerstreben zugeben müssen, daß christliche Moralprinzipien selbst bei Ungläubigen Geltung haben; das geht so weit, daß sogar Chruschtschow es vorzieht, in seinen Reden nicht als Antichrist aufzutreten, sondern als einer, der es mit den Moralprinzipien ernster meint als die Christen.) Kurzum, nichts spricht dagegen, daß man, anstatt in den Chor der Skeptiker einzustimmen, sagt: Das Christentum ist nicht am Ende; es steht erst am Anfang einer mondialen Entwicklung.

Unter diesem Aspekt stellt sich der Frage, wie mächtig der Papst sei, eine andere Frage zur Seite: Wie mächtig ist heute die Christenheit? Und unbezweifelbar ruft auch diese Frage wieder eine neue hervor: Wie weit sind die christlichen Konfessionen gewillt und fähig, im Rahmen der Anschauungen, die ihnen gemeinsam sind, zusammenzuarbeiten

Hier nun wird die Bedeutung des Besuches klar, den das Haupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury, dem Papst in diesen Tagen abstattet, die Bedeutung und das weltweite Aufsehen, das die Nachricht von dem Zusammentreffen erregt hat.