Allen Unkenrufen zum Trotz hat die diesjährige Getreideernte mit 15,5 Mill. t den vorjährigen Ernterekord noch um 1,1 Mill. t. übertroffen. Von der Qualität der diesjährigen Ernte läßt sich allerdings weniger Erfreuliches berichten. Infolge der anhaltend nassen Witterung ist ein ungewöhnlich großer Teil des Brotgetreides verdorben und allenfalls noch zur Verfütterung geeignet. Wohin damit – was soll mit den relativ großen Mengen an „Schadgetreide“ geschehen?

Die diesjährige Getreideernte wirft grundsätzliche Fragen unserer Handelspolitik auf, wie der jüngst vom Kabinett gutgeheißene Einfuhr- und Vorratsplan deutlich werden läßt. Die um 0,71 Mill. t größere Ernte an Futtergetreide (zuzüglich der großen Mengen an Schadgetreide) verringert den bisherigen Einfuhrbedarf an Futtergetreide beträchtlich. Die bisherige Bonner Praxis, durch feste Abnahmezusagen für Getreide dem gewerblichen Export Auslandsmärkte zu öffnen, wird von Jahr zu Jahr immer problematischer.

Schon seit Jahren beispielsweise deckt die deutsche Erzeugung den einheimischen Bedarf an Brotweizen, den wir lediglich aus Qualitätsgründen – um die Backfähigkeit zu sichern – mit ausländischem Hartweizen (etwa im Verhältnis 3 zu 1) mischen müssen. Aber trotzdem hat man einigen Handelspartnern die Abnahme größerer Mengen an Weichweizen – obwohl sie gar nicht gebraucht werden – in Aussicht gestellt, weil jene Länder sonst unsere gewerblichen Exporterzeugnisse nicht im gewünschten Maße aufnehmen würden. Dieser importierte – und im Inland nicht absetzbare – Weizen muß entweder mit hohen Kosten eingelagert, oder wieder (re-)exportiert werden. So exportieren wir Importgetreide – subventioniert – in Form von Mehl, mit der Folge, daß zum Beispiel in Ceylon deutsches Mehl billiger als der „vor der Tür“ liegende australische Weizen ist.

Diese Exportpraxis ist natürlich schon in sich ein Widersinn und verträgt sich schlecht mit den anhaltenden deutschen Klagen über Exportsubventionen anderer Länder. Doch ohne solche fragwürdigen handelspolitischen Manipulationen könnten wir die unseren Bedarf weit übersteigenden Abnahmeverpflichtungen nicht mehr erfüllen – es sei denn, unsere Bauern werden ersucht, weniger Weizen anzubauen.

Größer ist das handelspolitische Dilemma noch beim Futtergetreide: Im Vorjahr importierten wir noch 2 Mill. t, in diesem Jahr sinkt nun der Einfuhrbedarf aus den erwähnten Gründen auf 0,9 Mill. t. Aber die verschiedenen Handelsverträge sehen Ausschreibungen in Höhe von 1,5 Mill. t vor!

Gewiß: es bestehen keine festen Abnahmeverpfichtungen. Vielmehr wurden in allen Verträgen nur „Einfuhr-Ausschreibungen“ zugestanden. Also besteht theoretisch die Möglichkeit, die Verträge mit entsprechenden Ausschreibungen zwar juristisch zu erfüllen, die Einfuhren dann aber mit Hilfe von Verwaltungsmaßnahmen doch weit unter die Vertragsmengen zu drücken. Aber in der Praxis sieht das doch wieder ganz anders aus: mehr als einmal hat das Ernährungsministerium erleben müssen, daß die Regierung gegen seinen Widerstand dem Lieferverlangen der einzelnen Länder aus Gründen des Industrieexports und der Erhaltung guter politischer Beziehungen nachgab.

Das Kabinett hat anläßlich der Verabschiedung des Einfuhr-, und Vorratsplanes nichts darüber verlauten lassen, wie die Diskrepanz zwischen Bedarf und Abnahmeverpflichtungen überbrückt werden soll.

Das Auswärtige Amt, das Bundeswirtschafts-, das Bundesfinanzministerium und das Bundeskanzleramt sollten sich jedoch darüber klarwerden, daß das hier zur Diskussion stehende handelspolitische Problem in absehbarer Zeit gelöst werden muß. Wer die Tendenzen des Getreideanbaus im Zuge der Agrarrevolution in Europa kennt, kommt mit den Agrarwissenschaftlern ohnehin zu der Erkenntnis, daß die Getreideerzeugung in schnellem Tempo weiter steigen wird – auch die von Futtergetreide. Werden eines Tages auch bei „normalen“ Ernten die derzeitigen Vertragszusagen nicht einzuhalten sein, dann stellt sich das diesjährige, durch eine überreichliche Ernte akut gewordene Problem erneut. Die Entwicklung des Getreideanbaus zwingt dazu, die bisherige handelspolitische Praxis im Agrarbereich neu zu durchdenken. –er