Von Günter Blöcker

Vor gut einem Menschenalter schuf Julien Green mit seinem „Leviathan“ den Modellfall eines schwarzen Romans, längst ehe dieser Begriff Mode wurde. Als dann später die Tagebücher des Autors erschienen, stand man vor einem sonderbaren Widerspruch. So kraß und gewalttätig es in seinen Erzählungen zuging, so gedämpft und abgeklärt gab sich der Verfasser in seinen persönlichen Aufzeichnungen. Den Schlüssel zu diesem Phänomen liefert eine Tagebuch-Eintragung, in der es heißt: „Was ich in meinem Tagebuch mit Schweigen übergehe, taucht in meinen Romanen auf; mein eigentliches Tagebuch ist in dem versteckt, was ich erfinde.“

Während also das Tagebuch für Green, wie es an einer anderen Stelle heißt, nichts ist als das Selbstgespräch eines „letztlich mit sich selber ausgesöhnten Menschen“, bleibt der Roman der Schauplatz der Anfechtungen und Kämpfe. Welcher Art diese sind, davon gibt der neue, nach sechsjährigem Schweigen veröffentlichte Roman des Autors

Julien Green: „Jeder Mensch in seiner Nacht“, übersetzt von Ernst Sander; Verlag Jakob Hegner, Köln; 359 S., 16,80 DM

erschöpfend Auskunft. Wie man weiß, ist Julien Green doppelter Konvertit: er wurde als Sohn protestantischer Amerikaner in Paris geboren, trat als sehr junger Mensch zum ersten Male und später, nach einer Periode kritischer Auseinandersetzungen, ein zweites Mal zum katholischen Glauben über, ohne daß es ihm je ganz gelungen wäre, den Gläubigen und den Künstler in sich zu versöhnen. Der sogenannte katholische Roman erscheint ihm verdächtig. „Fließen“, so fragt er sich, „die von Katholiken geschriebenen Romane wirklich aus geläuterter Quelle? Ich beginne zu glauben, daß es einen Roman ohne Sünde nicht gibt, und es wäre zu ergründen, ob der Roman nicht ein Mindestmaß jener schlechten Freiheit erfordert, die uns die Sünde gewährt, eine Lösung von jeglichem Zwang. Ein Mensch, der vor der Sünde zittert, wird nie Romane schreiben.“

Die schlechte Freiheit, von der hier die Rede ist, liefert denn auch das Element, worin das vorliegende Buch sich mit selbstquälerischer Anstrengung bewegt. Greens Held, ein junger Amerikaner und gläubiger Katholik, ist mit jener undefinierbaren Anziehungskraft begabt, die ihn immer wieder der fleischlichen Versuchung aussetzt. Frommes Verlangen nach Reinheit und brutale Triebhaftigkeit liefern sich in ihm Schlichten, die meist mit dem Sieg der Natur enden. Dennoch bleibt die Welt dabei, den jungen Mann mit dem rosigen Kindergesicht und dem eher schüchternen Auftreten für den Inbegriff aller Tugenden zu halten – eine schmeichelhafte Aberkennung, die das Dilemma noch verschärft. Der Sünder, der sich selbst kaum mehr in den Beichtstuhl traut, wird zum Beichtiger für andere, die es weit weniger nötig haben. Da er nicht das mindeste Talent zum Zyniker hat, wird sein Erdenlauf auf solche Art zu einer vorweggenommenen Hölle, und niemand, der das Buch liest, wundert sich, wenn er den geplagten Jüngling am Ende frühzeitig und mit einem Lächeln glückseliger Erlösung auf dem Totenbett liegen sieht.

Nach Greens ästhetisch-religiöser Überzeugung wurzelt der Roman, wie gesagt, in der Sünde – auch und gerade der gute Roman. „Wer ihm das Gift nimmt, tötet ihn.“ Freilich, was hier für Gift gehalten und mit unerschütterlicher Humorlosigkeit als solches ausgegeben wird – das bißchen jugendliche Anfechtung und unumgänglicher Lebensschmutz – wird dem Leser, der nicht die spezifischen Voraussetzungen des Autors teilt, kaum so bedrohlich erscheinen können. Glaubensnot ist eine zu ernste Sache, als daß man sie so ausschließlich mit der Körpernot eines sowohl unbeherrschten als auch empfindlichen jungen Mannes gleichsetzen könnte, wie das hier in feinsinniger Weltfremdheit geschieht. Gerade heute dürfte sie ganz andere, tiefer reichende Quellen und Gründe haben.

Auch künstlerisch wirkt sich das Mißverhältnis zwischen Anlaß und Aufwand zuungunsten des Buches aus. Man fragt sich, ob der Autor nicht doch besser täte, persönliche Skrupel dieser Art – der eingangs zitierten Maxime zum Trotz – seinem Tagebuch anzuvertrauen, statt sie zu Romanformat aufzutreiben und so manche Subtilität, die zwischen den Zeilen ihre Berechtigung und ihre Wirkung hätte, dem Verdacht eines platten „Viel Lärm um nichts“ auszusetzen. Das schlechte Gewissen, das den christlichen Romancier plagt, veil er meint, der Kunstform zuliebe „in der Idee der Sünde Wurzeln schlagen zu müssen“, hat die Hand unseres Autors offenbar unsicher werden lassen. Sehr zu Unrecht. Denn gerade nach Greens Überzeugung ist es dem christlichen Künstler aufgegeben, dem Wagnis nicht auszuweichen, sondern es im Kunstwerk zu besiegen. Aber eben: ein Kunstwerk muß es sein und nicht nur ein ängstliches, Manipulieren mit Halbheiten und Unausgesprochenheiten.