Von Josef Müller-Marein

Ernst Rowohlt ist in Hamburg-Volksdorl in der Nacht zum Freitag voriger Woche gestorben. Er wurde 73 Jahre alt.

Über keinen Verleger hat man je so viel lesen können wie über Rowohlt. Das war nicht nur bei seinem Tode, sondern schon zu seinen Lebzeiten der Fall. Das begann bei Stephan Großmann und Kurt Tucholsky und kam so weit, daß Thomas Wolfe und Ernst von Salomon Episoden mit Rowohlt in ihre Bücher einflochten. Rowohlt, ihr .Verleger, hat das nie gewünscht ("Ist ja alles gar nicht wahr", brummte er), aber auch nie zu verhindern gesucht ("Sind ja ihre Sachen, nicht die meinen"). Der Grund dafür, daß einzig und allein Rowohlt so oft und so packend geschildert wurde, lag darin (auch andere Verleger gehen ja dauernd mit Autoren um), daß er eine der stärksten, originellsten, faszinierendsten Persönlichkeiten war, die zu unserer Zeit gelebt haben: eine literaturfertige Figur.

Er aß gern, trank gern und stieß gern laute Freudenschreie aus. Das beträgt drei Viertel der Rowohlt-Schilderungen. Der Irrtum jener, die nur dies über ihn geschrieben haben, besteht aber darin, daß sie nicht wußten, wie sehr die Lust am Essen, Trinken, Freudenbrüllen zur Attitüde seiner Freundschaftsbezeugung gehörte. War er allein oder mit sehr vertrauten Menschen – etwa mit Salomon, Sieburg, Kiaulehn, mit seinen früheren Lektoren Zingler und Meyer oder mit seinem Sohn Ledig-Rowohlt – so stellte er sich als das Wesen dar, das er, der Mensch mit vielen Eigenschaften, vor allem war: als ein inniger, empfindsamer, nachdenklicher und nobler Mann. Er war nicht so sehr eine witzige als eine anekdotische Natur. So liebte er über alles das Geschichtenerzählen. Er wich dabei dem Klatsch nicht aus, aber das sei hier nur gesagt, um folgendes zu unterstreichen: In unzähligen Stunden, mit ihm verbracht in lärmendem Freundeskreis, aber öfter noch an stillen, ja manchmal auch bedrückenden Tagen und Abenden, habe ich nie erlebt, daß er über einen Menschen schlecht sprach. Das war mehr als Gutmütigkeit, mehr als Überlegenheit. Er ist der einzige, von dem ich zuverlässig weiß, daß er es nicht fertig brachte, Schlechtes über einen Menschen zu sagen. Es war das Christentum in dem Heiden Rowohlt. Tat man ihm aber etwas Gutes an, so war er von erschütternder Dankbarkeit, dieser Riese, dieser Furchtlose, dieser herrscherliche Kerl, dieser große Naive, der auf manches freundliche Wort hereinfiel, weil er es nicht erwartete.

Ein Verleger sollte nicht nur ein Förderer der Literatur, sondern auch ein Geschäftsmann sein. In Wirklichkeit hatte Rowohlt, der aus "Geldkreisen" kam (sein Vater war ein zu seiner Zeit angesehener Börsianer gewesen) und in Bremen geboren wurde (daher stammt, glaube ich, seine höfliche, chevalereske, ein bißchen steife Grandezza im Umgang mit Damen), wohl das Rechnen gelernt (er war in der Banklehre gewesen, ehe er in Leipzig Lehrling im Verlagsbuchhandel wurde, wo er sogar das Maschinensetzen lernte); aber vom Geld oder von Geschäften verstand er nicht allzuviel. Jedenfalls war Geld ihm nicht das Wichtigste. Zwar hat er Schriftsteller an seinen Verlag gebunden, die sich zu "Erfolgsautoren" entwickelten (von Schleich über Emil Ludwig, Fallada bis zu Salomon und Ceram). Aber oft erlebte er, daß die Autoren auf finanziell gesicherte Inseln mit Komfort gerieten, während sein Schiff ohne Rettungsboot im Sturm weiter dahintrieb. Er hat Kafka verlegt, als niemand diesen Dichter kannte, geschweige denn anerkannte. Er hat Robert Musil Gelegenheit gegeben, sein großes Werk anzugehen, und hat’s ertragen, daß es nie vollendet wurde. Er hat den Wind der modernen Zeit durch seinen Verlag brausen lassen, viel Geld dafür eingesetzt und dabei verloren. Auch haben Katastrophen wie die Inflationen – von jener Niederlage ganz zu schweigen, die Hitlers Leute ihm beibrachten, worauf er bis Südamerika floh – ihn hart mitgenommen. Als Rowohlt nach dem Krieg auf Rotationspapier Romane druckte (Ro-Ro-Ro) und als er die Pocket Books als Taschenbücher in Deutschland durchsetzte: sogar da hat er nicht so sehr ans Geldverdienen als vielmehr daran gedacht, daß auf diese Weise viele Leute lesen könnten, denen "ein richtiges Buch" zu teuer ist. Als er bei alledem zuletzt wohlhabend geworden war, hat er selber es am wenigsten geglaubt. Er staunte über seinen Sohn, der – obwohl ebenso großzügig wie er selber – das Rechnen versteht. Er glaubte, daß nicht wegen der Gehälter die Rowohltianer bei ihm anstatt bei anderen Verlegern arbeiteten, und daß die Autoren ihre Manuskripte nicht wegen der Aussichten auf Erfolg zu ihm, anstatt in andere Verlagshäuser, brachten. Er wünschte zu glauben, das alles geschähe der Literatur oder wenigstens ihm zuliebe. Und weil er so stark in diesem seinem Glauben war, so war dies auch wirklich der Fall.

Rowohlt hatte einen untrüglichen Sinn für das Künstlerische in der Literatur, zumal für neue Töne. Dies war seine große, ja, genialische Begabung; aber ich weiß nicht, ob seine andere Begabung nicht vielleicht noch größer war, seltener jedenfalls: das Talent zur Freundschaft. Wer diese; Freundschaft genoß, hat ein großes Glück in seinem Leben erfahren. Nach so manchem Trunk dieses edlen Weins, den Rowohlt stets für seinen Freund bereit hatte, läßt er ihn nun den bitteren Becher der Wehmut trinken.